Dargomïzhsky, Alexander

Russalka

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler PH09024
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 75

Liest man den Namen „Russalka“, denkt der eine oder andere spontan an Antonín Dvorák, aber nicht unbedingt an den 1813 geborenen Alexander Dargomyschskij. Der fantastische Russalka-Stoff fand – übrigens auch als Singspiel Das Donauweibchen bekannt – ebenso als komische Zauberoper beispielsweise bei Stepan Dawydow großen Anklang. Der in St. Petersburg verstorbene Dargomyschskij allerdings wird, wenn überhaupt,
im Westen eher mit der unvollendet gebliebenen Oper Der steinerne Gast in Verbindung gebracht. Die jeweiligen Handlungen haben trotz Namensgleichheit der Nixe nichts miteinander zu tun. Während beispielsweise die tschechische Oper auf insgesamt zwei Märchen und einer Erzählung fußt, stammt das russische Sujet von einem 1837 entstandenen Text Alexander Puschkins, das der Komponist selbst verfasste. Die vieraktige, fast bis auf zwei kleine dramatische Szenen (Russalka/Tochter Russalotschka sowie Russalotschka/Fürst) im letzten Akt durchkomponierte Oper entstand zwischen 1848 und 1855. Dargomyschskij, der keinen „gefälligen Melodien“ nachjagen wollte, sah auf der Suche nach einer echten russischen Musik seine Opernästhetik endlich verwirklicht: „Ich will, dass der Ton das Wort direkt ausdrückt. Ich will die Wahrheit.“
Die trotzdem keineswegs spröde oder unsangliche, sondern im Gegenteil geschmeidige Musik der Ouvertüre und der Volkstänze atmet den Geist Michail Glinkas mit Anleihen frühromantischer Musik deutscher und französischer Provenienz, besonders signifikant die Balletteinlagen (II. Akt, Nr. 10). Insbesondere die nicht in die Handlung eingreifenden, also kommentierenden Chorpartien (I. Akt, Nr. 3 und Hochzeitschor II. Akt, Nr. 7) wirken trotz ihres hörbaren Vorbilds aus der Grand Opéra der russischen Volksmusik entlehnt, sind von großer russischer Ausdruckskraft und weisen damit bereits auf Modest Mussorgskij voraus.
Mit viel Sinn für die Singstimmen und dramatischem Ernst schrieb Dargomyschskij sehr kantabel die drei Hauptpartien. Nicht nur die alleingelassene, unglückliche Natascha und später rächende Russalka ist mit Ewelina Dobracewa eine vorzügliche Besetzung, sondern auch Tenor Wsewolod Griwnow als leidend-nachdenklicher, auf vergebliche Wiedergutmachung ausgerichteter und stets unwiderstehlich zum Ort seiner einstigen Liebe hingezogener Fürst; und ebenso Arutjun Kotschinian als der zunächst nach Reichtum gierende und nach dem Tod seiner Tochter wahnsinnig gewordene Müller. In den wichtigen Nebenrollen agiert Mezzo­sopranistin Marina Prudenskaja als besorgte und über ihren Ehemann beunruhigte Fürstin, Elena Brylewa als deren Vertraute Olga, Andrej Telegin als Brautwerber sowie Martha Jurowski als Russalotschka, die mit einer Sprechrolle versehene zwölfjährige Tochter von Russalka, die sich dem Fürsten noch zu erkennen gibt, bevor er ins Unterwasserreich gezogen wird. Der ehemals langjährige Chefdirigent Michail Jurowski leitet kenntnisreich sowohl WDR Rundfunkchor Köln als auch das WDR Rundfunkorchester Köln.
Werner Bodendorff