Rossi’s 35 Selected Studies for String Bass

35 Selected Studies by Rodolphe Kreutzer, Phillipe Libon (Felipe Libon), Joseph Mayseder, Giovanni Batista Polledro, Ludwig Spohr und Pierre Rode

Rubrik: Noten
Verlag/Label: International Music Company, New York 2005
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 81

Mit diesem neuen Heft für Kon­tra­bassis­ten wird die schon Jahrhun­derte alte Glob­al­isierung in der Musik deut­lich, und es ist zugle­ich ein Stück Musikgeschichte aus dem Europa des 19. Jahrhun­derts: Ver­sam­melt sind hier Kom­pon­is­ten aus Frankre­ich, Por­tu­gal, Öster­re­ich, Ital­ien und Deutsch­land, dazu ein ital­ienis­ch­er Bear­beit­er, ein englis­ch­er Her­aus­ge­ber und ein amerikanis­ch­er Ver­lag.
Doch der Rei­he nach: Der ital­ienis­che Kon­tra­bassist Lui­gi Rossi wurde 1830 zum Pro­fes­sor an das Mailän­der Kon­ser­va­to­ri­um berufen, als Nach­fol­ger seines Lehrers Andreoli. In Rossis Meis­terk­lasse kam 1835 u.a. auch der junge Bassist Gio­van­ni Bottesi­ni, der als Kom­pon­ist seinem Lehrer später drei große Duette für zwei Kon­tra­bässe wid­mete. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts hat­te man noch ver­gle­ich­sweise wenig Orig­i­nal­lit­er­atur für Kon­tra­bass. Es gab zu dieser Zeit auch noch keine fun­da­men­tale Schule, die das Lagen­spiel verbindlich regelte. Die kam dann bekan­ntlich erst mit dem Öster­re­ich­er Franz Siman­dl (1840–1912), der seit 1869 am Wiener Kon­ser­va­to­ri­um lehrte und die Neueste Meth­ode des Kon­tra­bass-Spiels veröf­fentlichte. Die Geiger hat­ten es da wesentlich bess­er: Für sie wur­den schon sehr früh zahlre­iche Etü­den­werke veröf­fentlicht, die ganzen Gen­er­a­tio­nen von Vir­tu­osen als Grund­ma­te­r­i­al zum Üben dien­ten.
Was machte Rossi in sein­er päd­a­gogis­chen Not? Er schaute sich die aktuellen Geigen­hefte durch und bear­beit­ete sie für sein Instru­ment. Und so find­en wir hier allein elf Etu­den des Fran­zosen Rodolphe Kreutzer (1766–1831), die später noch mehrmals als Vor­lage für den Bass dienen soll­ten. Zwölf weit­ere stam­men aus der Fed­er des por­tugiesis­chen Vio­lin­is­ten Felipe Libon (1775–1838), der immer­hin Schüler von Viot­ti war. Dreimal ist der Wiener Geiger und Kom­pon­ist Joseph Mayseder (1789–1863) vertreten oder wie immer er wirk­lich hieß: Der Name ist nur ein Pseu­do­nym. Eine sehr motorische Tri­olen-Etüde stammt von dem Ital­iener Gio­van­ni Bat­tista Polle­dro (1781–1853), der es bis zum Konz­ert­meis­ter in Dres­den gebracht hat­te. Der Deutsche Lud­wig Spohr (1764–1859) hat vier sein­er Geigenetü­den für dieses Heft beige­tra­gen. Die restlichen vier stam­men von Jacques Pierre Joseph Rode (1774–1830), einem Geiger, der viel in Europa reiste und sog­ar Konz­ert­meis­ter am Peters­burg­er Hof wurde.
Der Schwierigkeits­grad der Etü­den steigt im Ver­lauf des Hefts pro­gres­siv an, doch ist alles gut vor­bere­it­et: Der Her­aus­ge­ber, Thomas Mar­tin, ehe­ma­liger Solobassist beim Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra und heute Pro­fes­sor an der Guild­hall School of Music in Lon­don, hat prak­tikab-le Fin­ger­sätze hinzuge­fügt und macht sin­nvolle Vorschläge für das Spiel in den Lagen. Natür­lich sprechen die Etü­den ganz unter­schiedliche tech­nis­che Prob­lem­felder an: Bogen­führung (bei Kreutzer mit mehreren Vari­a­tio­nen), Ton­bil­dung, Into­na­tion, Beweglichkeit, Aus­druck, Verzierun­gen, aber auch Musikalität und Kraft­train­ing. Das Übliche halt, was auch für die Geiger wichtig ist, find­et man hier um Oktaven ver­set­zt.
Nicht ganz so glück­lich ist die Aufteilung des Hefts. Zwei­seit­ige Etü­den druckt man nicht auf zwei Seit­en gegenüber, son­dern so, dass man sie kom­plett im Blick hat: Will man nicht mit­ten im Spiel blät­tern, muss man eine Kopie von der näch­sten Seite ein­kleben. Das ist ein wenig lästig. Anson­sten ist dieses Heft eine willkommene Bere­icherung des Etü­den­ma­te­ri­als für die Bassis­ten. Sie sind ja trotz viel­er Ange­bote heute noch immer auf der Suche nach etwas Spiel­barem, das sog­ar etwas Spaß macht.
Wolf­gang Teubner