Joachim Campe

Rossini

Die hellen und die dunklen Jahre

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Theiss, Darmstadt 2018
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 64

2018 ist Rossi­ni-Jahr, vor 150 Jahren starb der „Schwan von Pesaro“. Gemessen an der Flut von Buch­pub­lika­tio­nen oder CD-Pro­duk­tio­nen, die zu Bach-, Mozart- oder Wag­n­er-Jahren mit­tler­weile über uns kom­men, und den Feier­lichkeit­en, die in zwei Jahren zu Beethovens 250. Geburt­stag zu erwarten sind, ist die Wirkung des Rossi­ni-Gedenk­jahres eher mau.
Da scheint Bachs Schnap­szahl-Geburt­stag, der 333., in diesem Jahr mehr Res­o­nanz gefun­den zu haben.
Umso erfreulich­er, dass mit dem Buch von Joachim Campe eine neue Rossi­ni-Biografie vor­liegt. Schon der Unter­ti­tel „Die hellen und die dun­klen Jahre“ zeigt, dass hier der ganze Rossi­ni in den Blick genom­men wird und neben den Zeit­en des Wirkens als erfol­gre­ich­er, ja erfol­gre­ich­ster Opernkom­pon­ist Europas fast in gle­ichem Umfang die Zeit­en des Rück­zugs, die unter anderem eben durch Krankheit­en des Meis­ters geprägt sind, the­ma­tisiert wer­den. Das ist der eine Gewinn des Buchs.
Campes Buch ist bekömm­lich in sein­er Dimen­sion und auf jeden Fall lock­er und ver­ständlich geschrieben, also gut zu lesen. Es ist eine gle­ich­sam klas­sis­che biografis­che Studie. Sie ste­ht im Bann ein­er lit­er­arischen Gat­tung, die zumin­d­est im deutschsprachi­gen Raum und bei Musiker­bi­ografien ein wenig aus der Mode gekom­men ist und bei der Leben und Werk eines Kün­stlers in ele­gan­ter Weise mit den äußeren Umstän­den der betr­e­f­fend­en Kun­st­szene und Gesellschaft in Beziehung geset­zt wer­den.
Der Leser erfährt in diesem Buch also nicht nur das Wesentliche über das Leben des Kom­pon­is­ten, son­dern auch einiges über die ital­ienis­che und franzö­sis­che Operngeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts und über die poli­tis­chen und gesellschaftlichen Zustände in jenen Jahren. Das ist der andere Gewinn des Buchs.
Der Autor ist allerd­ings, wie schon die Ein­leitung erken­nen lässt, kein glühen­der Anhänger seines „Helden“. Als Zeu­gen für den fehlen­den „Herzen­ston“ bei Rossi­ni benen­nt er Verdis Gefährtin Giusep­pina Strep­poni, die Rossi­ni kalt und gefüh­l­los nan­nte, oder den Diri­gen­ten Niko­laus Harnon­court, der in späten Jahren bei sein­er Wieder­gabe der Opern Mozarts teil­weise unerträglich langsame Tem­pi anschlug, nur dass ja nichts nach Rossi­ni klinge.
„Män­ner und Frauen hat Rossi­ni scharf umris­sen auf die Bühne gebracht, Rosi­na und Alma­vi­va aus dem Bar­bi­ere di Siviglia sind wohl die bekan­ntesten Beispiele. Aber die Liebe war nicht Rossi­nis The­ma. Seine The­men waren Krankheit und Gesund­heit, die indi­vidu­elle wie die kollek­tive“, so heißt es in der Ein­leitung. Über diesen Satz ließe sich tre­f­flich stre­it­en. Auch andere Ein­schätzun­gen klin­gen eher forsch for­muliert als sach­lich begrün­det. Das Buch bietet also auch genug Stoff zur kri­tis­chen Auseinan­der­set­zung.
Die vielle­icht span­nend­ste Frage bei der Beschäf­ti­gung mit Gioacchi­no Rossi­ni beant­wortet der Band nicht, warum näm­lich diese Musik für Jahrzehnte einen Kon­ti­nent verzück­te und warum sie noch heute zu begeis­tern weiß.
Karl Georg Berg