Paolo Fabbri

Rossini

Künstler, Mensch und Mythos

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Leipziger Universitätsverlag
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 60

Es ist offen­bar eine kleine Biografie, kein Roman. Das ist gut und richtig, aber auch ein biss­chen schade, da doch der Unter­ti­tel so vielver­sprechend nach Roman klingt: „Kün­stler, Men­sch und Mythos“. Dem Mythos Rossi­ni spürt der Autor Pao­lo Fab­bri nach. Ziem­lich sach­lich, denkt man zunächst, wenn man den wenig schö­nen Anfang liest, bis man mehr und mehr ger­adezu gerührt ist von der Liebe, mit der der Autor über Rossi­ni schreibt, mit der er ihn als den „kleinen Gioachi­no“ oder als „Phänomen Rossi­ni“ beze­ich­net; bis man gerührt ist von diesem „immer alles pos­i­tiv Sehen“, mit dem beispiel­sweise Rossi­nis Pla­giatkun­st her­vorge­hoben wird. Also doch ein biss­chen Roman. Auch die (chro­nol­o­gisch dem Lebenslauf fol­gen­den) Kapitelüber­schriften sind pas­sion­iert, zumin­d­est biografie­un­typ­isch: „Der Kom­pon­ist ent­deckt sich“, „Ein Star ist geboren“, „Der Über­vater im Ruh­e­s­tand“, „Die Eroberung des Südens“.
Pao­lo Fab­bri war ehe­mals Pro­fes­sor an der Uni­ver­sität Fer­rara und Vize-Direk­tor der Fon­dazione Rossi­ni in Pesaro und ist heute Mit­glied des wis­senschaftlichen Beirats der Deutschen Rossi­ni-Gesellschaft, die dieses Büch­lein her­aus­gegeben hat. Fab­bri schildert hier gebün­delt Rossi­nis Kinderzeit, seine Fam­i­lie, seine „genialen“ Opern und sein Wirken in ver­schiede­nen Städten.
Ein echter Anhänger spricht hier. Aus­sagen von Zeitgenossen zeu­gen von der bere­its zu Rossi­nis Lebzeit­en beste­hen­den Fange­meinde und seinen außeror­dentlich großen Erfol­gen – Applaus, Orden, Ban­kette, Hom­ma­gen. Neben net­ten Lebens­geschicht­en machen diverse Zitate und Quel­lenangaben die Darstel­lun­gen glaub­würdig, aber ein wenig anstren­gend.
Fab­bri beschreibt sehr viele Opern­de­tails – mitunter ein wenig auf Kosten biografis­ch­er Angaben –, die viel Fach­wis­sen und Kön­ner­tum ver­rat­en, beim Leser allerd­ings auch solch­es voraus­set­zen, um ver­ste­hen und genießen zu kön­nen. Eine konkrete Bün­delung dessen, was ins­beson­dere den „Mythos Rossi­ni“ aus­macht, wäre inter­es­sant.
Auf den let­zten Seit­en (erst) liest man im Kon­text von Rossi­nis Tod fast betrof­fen über seine „buch­stäbliche Ver­wand­lung in ein Mon­u­ment“. Man kann schnell nach­blät­tern in diesem Buch, wenn man etwas über ein bes­timmtes Werk und die jew­eilige Lebenssi­t­u­a­tion des Kom­pon­is­ten, über gesellschaftliche und geografis­che Umstände erfahren möchte.
Mehr Bild­darstel­lun­gen wären schön – es gibt ein paar Lith­o­grafien und Stahlstiche. In sprach­lich­er Hin­sicht lässt das Bänd­chen ein wenig zu wün­schen übrig in seinem teil­weise recht umgangssprach­lichen Ton­fall („nach einigem Hin und Her“, „ger­ade mal“) oder stilis­tisch unsauberen For­mulierun­gen („an einem gewis­sen Punkt“). Gelun­gen und hil­fre­ich sind das Per­so­n­en- und Werkreg­is­ter wie auch das Quel­len­verze­ich­nis.
Ein biss­chen Leben, ein biss­chen Opern­führer, ein biss­chen Lexikon. Und am Ende hat man wom­öglich eine roman(t)ische Biografie gele­sen.
Car­o­la Keßler