Camille Saint-Saëns

Romance Des-Dur op. 37

für Flöte und Klavier, hg. von Peter Jost

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 67

Von Saint-Saëns’ Romanzen für ver­schiedene Soloin­stru­mente (op. 27, 36, 37, 48, 51, 67) ist die Romance op. 37 für Flöte wohl am besten bekan­nt, erfüllt sie doch alle Erwartun­gen an eine solche Form. Sie verbindet Klangsinnlichkeit und Eingängigkeit ohne einen Hauch von Sen­ti­men­tal­ität, spielt emo­tion­al berührend ihr melodis­ches und har­monis­ches Poten­zial aus. Der unmit­tel­baren Wirkung dieser Musik wird sich kaum jemand entziehen kön­nen.
Ihre Kom­po­si­tion im Kriegs­jahr 1871 fiel in eine Zeit des poli­tis­chen Umbruchs, aber Saint-Saëns hat­te ger­ade noch rechtzeit­ig vor den Unruhen unter der Herrschaft der Kom­mune Paris ver­lassen kön­nen. Die Arbeit an der Romance been­dete er im März im Lon­don­er Exil. Die bei­den ersten Auf­führun­gen fan­den nicht in Paris statt, son­dern im Juli 1871 im deutschen Kurort Baden-Baden. Der aus Bel­gien stam­mende Flötist Amédée de Vroye spielte sie dort ein­mal mit dem Kom­pon­is­ten am Klavier und ein weit­eres Mal mit Begleitung des Kurorch­esters.
Man verbindet das Stück inzwis­chen mehr mit dem Namen Taffanel als mit dem des heute fast unbekan­nten Wid­mungsträgers, der sein­erzeit als aus­geze­ich­neter Flötist geschätzt wurde (mehr zu de Vroye unter www.henrikwiese.de/Aufsaetze/Wiese-Floete-Undine‑4–2012.pdf). Dass Saint-Saëns ihm diese Kom­po­si­tion wid­mete, kön­nte sich durch ein gemein­sames Konz­ert mit ein­er Sonate von Bach in der Salle Erard im März 1870 ergeben haben; ver­mut­lich war es die h‑Moll- Sonate, das Pro­gramm ist nicht erhal­ten.
Tat­säch­lich bewirk­te der Flötist und Diri­gent Paul Taffanel durch seine Kun­st die nach­haltige Beliebtheit der Romance, spielte sie bei vie­len Gele­gen­heit­en, oft auch zusam­men mit dem Kom­pon­is­ten, mit dem ihn eine lebenslange Fre­und­schaft ver­band. Im Rah­men der zur Förderung der zeit­genös­sis­chen franzö­sis­chen Instru­men­tal­musik neu gegrün­de­ten Société nationale fand die Paris­er Erstauf­führung am 6. April 1872 in der Salle Pleyel statt. Mit Orch­ester war das Stück eben­falls dort zu hören, dies aber erst am 22. April 1880 und mit großem Erfolg, wie berichtet wird. Die Klavier­fas­sung wurde als pour Flûte (ou vio­lon) 1874 gedruckt, die Orch­ester­fas­sung erst 1897, bei­de bei Durand in Paris.
Diese Neuaus­gabe der Romance ist Teil ein­er größeren Edi­tion der Instru­men­tal­w­erke von Saint-Saëns, die auch die drei Bläser­son­at­en op. 166, 167 und 168 aus seinem let­zten Leben­s­jahr umfasst. Wie bei Hen­le selb­stver­ständlich erhält man Infor­ma­tion zum Werk und sein­er biografis­chen Einord­nung, erfährt u. a. auch, dass dessen Mit­tel­teil aus einem nicht veröf­fentlicht­en Orgel­stück stammt. Allerd­ings ist nur das Vor­worts dreis­prachig, während der Text zu Edi­tion und Quellen nicht ins Franzö­sis­che über­set­zt wurde. Die Wen­destellen sind gegenüber der Durand-Aus­gabe verbessert wor­den; wie dort gibt es keine sep­a­rate Vio­lin­stimme, die Flöten­stimme lässt sich leicht über­tra­gen. Eine lohnende Anschaf­fung also, ganz unab­hängig davon, ob man schon eine andere Aus­gabe besitzt.
Ursu­la Pešek