Hoffmann-Axthelm, Dagmar

Robert Schumann

Eine musikalisch-psychologische Studie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam, Stuttgart 2010
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 65

Viel wurde diskutiert über den Zusammenhang von Genie und Wahn­sinn im Schaffen Robert Schumanns. Der Komponist Dieter Schnebel fühl­te bei dem Liederzyklus Dichterliebe die „Ängste vor Tod und Wahnsinn und die tief angesiedelte melancholische Resignation, welche den Willen lähmt“. Der Dirigent und Psychiater Sinopoli kam in Bezug auf Schumanns zweite Sinfonie, die er im Konzertsaal und auf CD hervorragend interpretierte, zum Urteil einer „auskomponierten Psychose“. Neben diesen durchaus diskussionswürdigen Anmerkungen hat der Tod Schumanns in der Nervenheilanstalt Nahrung für die unterschiedlichsten Spekulationen betreffend der Natur der Erkrankung gegeben. Genährt nicht zuletzt durch das Verhalten der musikalischen „Erblasser“ Schumanns, Johannes Brahms und Witwe Clara Schumann, wurde das Spätwerk des Komponisten allzu oft nur unter der Perspektive der geistigen Erkrankung gesehen. Auch wenn viele Vorurteile bezüglich der Kompositionen der 1850er Jahre inzwischen revidiert wurden, herrscht doch noch immer Klärungsbedarf.
Neben vielen Autoren, die sich im Schumann-Jahr in oberflächlichen Beiträgen mit der seelischen Disposition des Komponisten und ihrer Bedeutung für sein Werk befassten, hat sich auch die Psychoanalytikerin und Musikwissenschaftlerin Dagmar Hoffmann-Axthelm mit Schumann beschäftigt. Ihr Ausgangspunkt ist das Verhältnis Schumanns zu seinen Eltern. Eine Mystifizierung ist ebenso wenig Ziel dieser Darstellung wie eine Verklärung des Komponisten. Spürbar ist aber, dass die Autorin eine Lanze für das noch immer vorurteilsbefrachtete Spätwerk brechen will. Für die Autorin stehen die Auflehnung eines ungemein talentierten und ebenso produktiven Menschen gegen die ihn sein ganzes Leben beeinträchtigenden Kindheitserlebnisse im Vordergrund. In diesem Sinn sieht sie auch die „schweren seelischen Wunden Schumanns“, die dieser durch die frühe, zwei Jahre andauernde Trennung von seiner Mutter erlitten habe. Schumann habe sich deshalb nach einer erfüllenden mütterlichen Liebe gesehnt, die er nie gehabt habe. Dieser Wunsch sei von ihm auf seine spätere Ehefrau Clara übertragen worden. Die nach Meinung der Autorin in ihrer Stabilität gefährdete Ehe war für Robert Voraussetzung seiner musikalischen Kreativität. Schon die Gefahr eines Scheiterns dieser Beziehung hätte für die seelische Stabilität des Romantikers verheerende Folgen haben können.
Auch wenn man manche Folgerung von Hoffmann-Axthelm, die Schumann in die Kategorie des von der Mutter „emotional missbrauchten Kindes“ einreiht und seine selbstzerstörerische Melancholie auch daraus ableiten will, für zu weit gehend und spekulativ hält, ist ihr Buch besonders durch die Verbindung von psychoanalytischen Erkenntnissen und musikwissenschaftlichen Ansätzen, wie sie z.B. bei den Geistervariationen überzeugend zum Tragen kommen, lesenswert. So ist das weitreichende Werk Schumanns zwar vor dem Hintergrund einer Krankheit zu sehen, die wohl als Persönlichkeitsstörung mit psychotischem Einschlag zu deuten wäre, die der Qualität seines Komponierens aber nichts anhaben konnte, vielleicht sogar eine Art Antriebskraft war, vor deren Hintergrund er sich mit kaum vorstellbarer Energie in die Arbeit stürzte.
Walter Schneckenburger