Boris Kehrmann/Elke Trogisch/Christiane Hein

Ring der Vielfalt

Der neue Karlsruher Ring – Making of

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Badisches Staatstheater Karlsruhe 2018
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 65

Noch nie gab es eine solche Vielfalt an Ring-Insze­nierun­gen. Das Badis­che Staat­sthe­ater ist allerd­ings eines jen­er nicht eben vie­len The­ater, zu deren Iden­tität es gehört, alle paar Jahre einen neuen Ring des Nibelun­gen zu präsen­tieren. Franz Liszts Mot­to sich auf die Fah­nen schreibend, hat man in Karl­sruhe in den Jahren 2016 und 2017 „die einzel­nen Dra­men“ der Tetralo­gie als „selb­st­ständi­ge Stücke“ gegeben, von vier ver­schiede­nen Regis­seuren insze­niert.
Einen „Ring der Vielfalt“ nen­nt ihn der find­i­ge, cle­vere Gen­er­al­in­ten­dant Peter Spuh­ler, der in Karl­sruhe eine außergewöhn­liche Spielplan­poli­tik real­isiert. Es ist die Vielfalt der Posi­tio­nen und Blick­winkel, die die Regis­seure David Her­mann, Yuval Sharon, Thor­lei­fur Örn Arnas­son und Tobias Kratzer auf Wag­n­ers Nibelun­gen­saga wer­fen. Die vier jun­gen Regis­seure insze­nieren unab­hängig voneinan­der die vier Abende der Tetralo­gie auf je ver­schiedene Art und Weise: traum- und märchen­haft, gesellschaft­skri­tisch, visionär, abstrakt und mod­ern, mit Witz, Ironie, Pathos, Sinnlichkeit, aber auch kri­tis­ch­er Dis­tanz.
Das einzig verbindende Ele­ment stiftet die Musik unter Leitung von Gen­eral­musikdi­rek­tor Justin Brown. Er definiert den Wag­n­er-Klang der Badis­chen Staatskapelle, die seit Wag­n­ers Lebzeit­en mit der Musik des „Meis­ters“ ver­traut ist, „in ihrer hochen­twick­el­ten Sen­si­bil­ität für Klang­far­ben, ihrer geschmei­di­gen Bere­itschaft und Fähigkeit, die jew­eilige Gefühlstem­per­atur des Moments zu fühlen und sie blitzschnell umzuset­zen“.
Die sug­ges­tive The­atra­lik dieses von den extrem unter­schiedlichen Hand­schriften der vier Regis­seure und ihrer Ausstat­ter geprägten Rings ist beein­druck­end einge­fan­gen im opu­len­ten Foto­ma­te­r­i­al dieser ungewöhn­lich sorgfältig auf­bere­it­eten Doku­men­ta­tion des jüng­sten Karl­sruher Rings, sein­er gedanklichen Konzep­tion, tech­nis­chen Machart und prak­tis­chen Auf­führung. Man erfährt viel darüber, was hin­ter den Kulis­sen eines solchen Mam­mut­pro­jek­ts geschieht.
Aus­führliche Porträts der Regi­eteams, des Sän­gerensem­bles, aber auch grund­sät­zliche Texte über Wag­ner und Wag­n­er-Pflege in Karl­sruhe und eine Doku­men­ta­tion der über­wiegend eupho­rischen Pressereak­tio­nen auf diesen ungewöhn­lichen Ring run­den den stat­tlichen Band ab, der nicht nur für Besuch­er der Auf­führun­gen inter­es­sant ist, zumal der Karl­sruher Ring flankiert wird von zwei Werken, die sich auf unter­schiedliche Weise mit der Ring-Rezep­tion in der Wil­helminis­chen Zeit und in Nazideutsch­land auseinan­der­set­zen: der burlesken, satirischen Operette Die lusti­gen Nibelun­gen von Oscar Straus und einem Auf­tragswerk des Staat­sthe­aters Karl­sruhe, der Oper Wah­n­fried des Kom­pon­is­ten Avn­er Dor­man.
Auch diese bei­den Pro­duk­tio­nen des Karl­sruher Wagner-„Gesamtpakets“ wer­den bestens doku­men­tiert und einge­bet­tet in poli­tis­che, musikäs­thetis­che und the­atrale Über­legun­gen, die ein­mal mehr die Viel­seit­igkeit und Kreativ­ität des Badis­chen Staat­sthe­aters in Sachen Wag­n­er unter Beweis stellen.
Dieter David Scholz