Udo Bermbach

Richard Wagners Weg zur Lebensreform

Wagner in der Diskussion, Bd. 17

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann, Würzburg 2018
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 69

In der 1893 in der Nähe von Berlin gegrün­de­ten Obst­baukolonie Eden, der ersten deutschen Land­kom­mune, lebten nation­al und völkisch gesin­nte Men­schen. Unter ihnen befan­den sich auch der lei­den­schaftliche Bayreuthi­an­er, Pianist und Wag­n­er-Fre­und Karl Klind­worth und seine Frau Hen­ri­et­ta Karop Klind­worth, deren Adop­tivkind Winifred Williams später durch die Heirat mit Wag­n­er-Sohn Siegfried zur Fest­spiellei­t­erin und „Her­rin des Hügels“ nach Siegfrieds Tod wurde.
Der famil­iäre Zusam­men­hang zwis­chen dem Haus Wag­n­er und der soge­nan­nten Leben­sre­form­be­we­gung, die nicht nur, aber auch von Eden aus­ging und als Gegen­be­we­gung zur mod­er­nen Indus­tri­al­isierung eine gesellschaftliche wie moralis­che Regen­er­a­tion der Men­schheit und ihrer Lebensweise anstrebte, kommt nicht von unge­fähr.
Udo Bermbach belegt in sein­er bril­lianten Studie durch den Ver­gle­ich von Wag­n­ers Spätschriften, den soge­nan­nten Regen­er­a­tionss­chriften, mit dem Gedankengut der Propheten der Leben­sre­form­be­we­gung, Karl Wil­helm Diefen­bach, Hugo Höpp­n­er alias Fidus und Gus­to Gräs­er, dass dieser Zusam­men­hang kein Zufall ist. Es gibt dur­chaus einen gedanklichen Zusam­men­hang zwis­chen Wag­n­er, Bayreuth und der Leben­sre­form­be­we­gung, deren Ziele sich weit­ge­hend mit Wag­n­ers Regen­er­a­tionsid­een deck­en: Ein­spruch gegen Vivisek­tion, Plä­doy­er für Veg­e­taris­mus und Antialko­holis­mus, Reflex­ion über Kli­ma und die schädlichen Fol­gen der mod­er­nen Indus­tri­al­isierung auf die men­schliche Natur, Kul­tur und mod­erne Lebens­for­men.
Die Bewe­gung, die sich auf Rousseaus Mot­to „Zurück zur Natur“ berief, hat­te nicht nur in Eden, son­dern auch, wie Bermbach darstellt, an Orten wie der Mathilden­höhe Darm­stadt, der Dres­d­ner Künst­lerkolonie Heller­au, dem Mo­n­te Ver­ità am Lago Mag­giore und der Kun­st­stätte Bossard südlich von Ham­burg ihre geisti­gen Zen­tren und architek­tonis­chen Sym­bole geschaf­fen, dur­chaus mit Wag­n­er-Bezug.
Wag­n­ers Beiträge zur gesellschaftlich-poli­tis­chen Debat­te sein­er Zeit (seine poli­tis­chen, moralis­chen und leben­sprak­tis­chen Überzeu­gun­gen unter­la­gen allerd­ings beträchtlichen Schwankun­gen und waren für ihn keineswegs unum­stößlich), in der er Fehlen­twick­lun­gen des mod­er­nen Lebens kon­sta­tierte, die kor­rigiert wer­den müssten, mün­de­ten ein in den bre­it­en Strom der Leben­sre­form­be­we­gung. Nach Wag­n­ers Tod wur­den sie gefördert von den Bayreuth­ern, vor allem von dem fanatis­chen britis­chen Wag­ne­r­i­an­er Hous­ton Stew­art Cham­ber­lain, der 1908 Wag­n­ers Tochter Eva heiratete und damit Zugang zum inner­sten Bayreuther Zirkel hat­te, aber auch von Hans von Wol­zo­gen, der sechzig Jahre lang (1878–1938) Redak­teur der Bayreuther Blät­ter war und ein­er der eng­sten Ver­traut­en Cosi­ma Wag­n­ers. Sie alle standen der Leben­sre­form­be­we­gung nahe, wie Bermbach doku­men­tiert. Seine pro­funde Arbeit belegt „ein typ­is­ches Muster des Ein­flusses und der Empathie der Reformer zu Wag­n­er, seinem Werk und Denken“. Die Pub­lika­tion schließt eine Lücke der Wag­n­er-Forschung, die diesen Zusam­men­hang bish­er nicht the­ma­tisierte.
Dieter David Scholz