Dombois, Johanna / Richard Klein

Richard Wagner und seine Medien

Für eine kritische Praxis des Musiktheaters

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Klett-Cotta, Stuttgart 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 61

Es gibt Wag­n­er-Büch­er, die um so mehr ver­wirren und frag­würdig wer­den, je länger man in ihnen liest. Zu dieser Sorte gehört der 500-seit­ige, von Johan­na Dom­bois und Richard Klein her­aus­gegebene Band Richard Wag­n­er und seine Medi­en. “Für eine kri­tis­che Prax­is des Musik­the­aters” lautet der Unter­ti­tel, der sich nicht wirk­lich erschließt, auch wenn die Her­aus­ge­ber argu­men­tieren, es han­dele sich um ein “Ganzes von offen­er Form”, einen “Text aus vie­len Tex­ten”. Da wird ein sehr erweit­ert­er Medi­en­be­griff als beliebige Schalt­stelle zwis­chen World Wide Web und Geschichte, Kun­st und gesellschaftlich­er Real­ität zur Recht­fer­ti­gung eines Sam­mel­suri­ums unter­schiedlich­ster Texte vorge­bracht, um doch nur eine “Buch­binder­syn­these” aus Rezen­sio­nen, Fil­m­analy­sen, The­aterkri­tiken, Musikre­flex­io­nen und Betra­ch­tun­gen zu neuen Medi­en unter einen Hut zu brin­gen. “Wo Hype und Medi­en sich kreuzen”: Was soll das heißen? Und was, bitte, soll das Umschlag­fo­to sug­gerieren, das den Blick von der Bühne in den leeren Zuschauer­raum des Opern­haus­es Zürich zeigt? Man hätte genau­so gut irgen­dein anderes Opern­haus abbilden kön­nen.
Das ist beze­ich­nend für die Konzep­tion des Ban­des und sein­er not­dürftig zusam­mengestell­ten, sehr het­ero­ge­nen 23 Beiträge, die nur vorgeben, Wag­n­ers Werk als “Musik­the­ater von heute” begreif­bar zu machen. Beiträge wie “Schlaf als Struk­tur in Wag­n­ers The­ater” und “The­saurus für Träume. Reg­is­ter sämtlich­er Träume Richard Wag­n­ers” (soweit durch Cosi­ma Wag­n­ers Tage­büch­er doku­men­tiert) sind (auch wenn sie mit Medi­en kaum etwas zu tun haben) noch das Orig­inell­ste in diesem Sam­mel­band.
Ein Auf­satz immer­hin verblüfft: Johan­na Dom­bois’ engagierte Offen­bach-Huldigung, doch sie passt so gar nicht in den Reigen der übri­gen Beiträge, die zum größten Teil bere­its ander­norts pub­liziert wur­den. Vom The­ma ganz zu schweigen. Und ob die “Neuen Medi­en” für “ein zeit­gemäßes Wag­n­er-Ver­ständ­nis wichtig” sind, wie behauptet wird, darf ern­sthaft in Frage gestellt wer­den. Was heißt denn schon “zeit­gemäß”?
“Wag­n­er mag sich als The­o­retik­er noch so sehr zu ein­er ‘organ­is­chen’ Mitte des Lebens u.Ä. bekan­nt haben, als Kün­stler tut er das Gegen­teil. Über­all rech­net er mit der Isoliertheit der Ele­mente, die er dann ver­schal­tet: […] Darin liegt der Grund, dass die Charak­tere in Wag­n­ers Werken, Rev­o­lu­tion hin oder her, so sehr viel zer­split­tert­er und zumal wider­standärmer sind als etwa Beethovens ide­al­is­tis­ches Ich-Tier. Im Gegen­zug haben sie einen hochen­twick­el­ten Sen­sus für alles, was mächtiger als sie selb­st ist. Sie sind rezep­tiv bis zum Anschlag – medi­en­af­fin.”
Dieser so rät­sel­hafte wie grotesk-absurde Satz ist beze­ich­nend für das ganze Buch. Mache sich, wer will, seinen Reim darauf. Vor allem bestätigt der­lei Geschriebenes ein­mal mehr die Frag­würdigkeit dessen, was sich heute „Wis­senschaft“ nen­nt und sich ein­er aufge­blase­nen, wichtigtuerischen Wis­senschaftssprache bedi­ent, um die Dürftigkeit und Belan­glosigkeit des Geschriebe­nen zu verbergen.

Dieter David Scholz