Oberhoff, Bernd

Richard Wagner: Das Rheingold. Ein psychoanalytischer Opernführer / Richard Wagner: Die Walküre / Ein psychoanalytischer Opernführer

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Psychosozial-Verlag, Gießen 2011
erschienen in: das Orchester 06/2012 , Seite 61

Wagners Musikdrama Der Ring des Nibelungen fehlt in keinem der zahlreichen Opernführer. Ein Novum und eine Bereicherung dürften jedoch die vorliegenden Ausführungen zum Rheingold und zur Walküre sein, die der Musikpsychoanalytiker Bernd Oberhoff vorlegt, nachdem er bereits psychoanalytische Opernführer zu Gluck, Mozart und Weber veröffentlicht hat. So finden sich bereits im Inhaltsverzeichnis nicht die Gliederungspunkte nach Szenen und Aufzügen, sondern Aussagen, die, ganz nach Freud, der Anamnese dienen. So ist im Rheingold von der „narzisstischen Wunde“ oder von „Nibelheim – Der finstere Ort der Analität“ die Rede und später in der Walküre von der „Delegierung des Schuldkomplexes durch projektive Implantation“.
Der Ring ist ein mythisches Entwicklungsdrama, dessen fantastische, bizarre und oft widersprüchliche Handlung bestens dazu geeignet ist, Einblicke in die „unergründlichen Tiefen der menschlichen Seele“ zu nehmen. Das Hintergrundwissen für diese Aufgabe holt sich Oberhoff bei Freud, Melanie Klein (Kinderpsychoanalyse), Béla Grundberger und Janine Chasseguet-Smirgel (Narzissmus). Ausgangspunkt ist die Zeit der frühkindlichen Erfahrungen, in der noch kein bewusstes Ich existiert, nur ein archaisches Körper-Ich, das sinnliche Erfahrungen macht, jedoch keine psychische Repräsentanz erfährt. Zuletzt geht es um die Missbrauchsbeziehung Wotans zu Brünnhilde, die gegen die Pflicht zur Sorge um das Vaterwohl verstößt. Ihre Bestrafung bedeutet für Wotan implizit eine neue Möglichkeit psychischer Entlastung: „Siegfried besitzt ein autonomes Selbst, das von Wotan dahingehend vereinnahmt werden könnte, dass der junge Held
die verdrängten Separationswünsche des Großvaters auslebt…“. So besteht die versöhnliche Lösung des Problems im gemeinsamen „Projekt Siegfried“. Doch wie die Götterdämmerung noch zeigen wird: Die Welt geht ihrem Untergang trotzdem entgegen.
Für Oberhoff führt die Psychoanalyse zu den Gesetzen seelischer Vorgänge. Die Kritik an dieser Haltung ist bekannt. Demnach hat sie eine suggestive Wirkung, die Gefahr läuft, selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren. Werden diese Deutungen nicht akzeptiert, beginnt die Suche nach den unbewussten Widerständen meist in der (frühen) Kindheit.
Nun wird durch die vorliegende Beobachtung kein Patient Schaden nehmen. Eine Wirkung wird jedoch die Lektüre der (subjektiven) Offenlegung der Seelen-, Entwicklungs- und Beziehungswelten auf das Hören der Musik, die hier nur am Rande beschrieben und interpretiert wird, mit Sicherheit haben. So lautet die spannende, nur individuell zu beantwortende Frage, ob diese komplexen psychoanalytischen Ausführungen das Verständnis für die Rezeption des Musikdramas stören oder fördern. Eines dürfte sicher sein: Die Lektüre dieses Opernführers erfordert in jeder Hinsicht Engagement und Leidenschaft im Sinne eines psychischen Orientierungsprozesses. Wenn dies dem Leser gelingt, so darf er gespannt sein auf dessen Wirkung beim nächsten Opernbesuch.
Romald Fischer