Mühlegger-Henhapel, Christiane / Alexandra Steiner-Strauss (Hg.)

Richard Strauss und die Oper

"Trägt die Sprache schon Gesang in sich ..."

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Theatermuseum Wien
erschienen in: das Orchester 12/2014 , Seite 67

Noch bis zum 9. Feb­ru­ar 2015 ist im Wiener The­ater­mu­se­um die Ausstel­lung „Trägt die Sprache schon Gesang in sich…“ Richard Strauss und die Oper zu sehen. Als Begleit­pub­lika­tion erschien im Res­i­denz-Ver­lag
ein umfan­gre­ich­es Buch, das etwa die Wiener Insze­nierun­gen von Elek­tra (1909), Der Rosenkava­lier (1911) sowie Die Frau ohne Schat­ten (1919) doku­men­tiert. Diese Opern ent­standen im Team­work von Strauss, seinem kon­ge­nialen Libret­tis­ten Hugo von Hoff­mannsthal sowie dem leg­endären Büh­nen­bild­ner Alfred Roller und schrieben alle­samt The­atergeschichte. Viele Doku­mente aus diesem Umfeld wur­den zum Teil erst­mals aus dem eige­nen Archiv gekramt, denn Rollers Nach­lass „zählt zu den wichtig­sten Bestän­den des The­ater­mu­se­ums“, erk­lären die bei­den Her­aus­ge­berin­nen Chris­tiane Müh­leg­ger-Hen­hapel und Alexan­dra Stein­er-Strauss im Vor­wort. Bei­de sind seit Jahren wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin­nen des Wiener The­ater­mu­se­ums und betreuen dort die Abteilun­gen Hand­schriften und Nach­lässe sowie Handze­ich­nun­gen.
Wie gut die Arbeit zwis­chen Strauss und Roller funk­tion­ierte, beweisen zahlre­iche, auch pri­vate Noti­zen. Die opu­len­ten Ausstat­tun­gen des öster­re­ichis­chen Büh­nen­bild­ners und Ver­fechters des Gesamtkunst­werks sind im Fall von Der Rosenkava­lier jedem Musik­fan ver­traut, denn die jugend­stil­hafte Ausstat­tung und Fig­uri­nen wur­den oft nachge­druckt. Doch die eben­falls doku­men­tierten Büh­nen­bilden­twürfe zu Strauss’ Die Frau ohne Schat­ten (Staat­sop­er Wien 1919) oder zur Joseph­sle­gende (Staat­sop­er Wien 1922) geben ganz neue Ein­blicke in die Werk­statt dieses umfassenden Kün­stlers.
Die Her­aus­ge­berin­nen und ver­schiedene Experten steuerten einzelne Kapi­tel zum Wirken von Strauss in Wien bei. Das Wirken von „Richard Strauss als Direk­tor der Wiener Oper“ wird eben­so beleuchtet wie „Wien als atmo­sphärisch­er und dra­matur­gis­ch­er Fak­tor in den Opern“ oder die optis­che Verk­lärung der „Antike in den Büh­nen­werken“ – stets his­torisch einord­nend und schön bebildert. Etliche sel­tene Fotos, Abbil­dun­gen und Briefre­pros machen den großen Wert dieses fast einein­halb Kilo­gramm schw­eren Kat­a­logs aus.
Im let­zten Kapi­tel berichtet Müh­leg­ger-Hen­hapel von den stolzen 365 Strauss-Briefen und Werkau­to­grafen der Hand­schriften­samm­lung. Darunter find­en sich etwa Noti­zen zur Elek­tra oder Kor­re­spon­den­zen mit Strauss’ spätem Libret­tis­ten Joseph Gre­gor. Von seinem jüdis­chen Textdichter Ste­fan Zweig (Die schweigsame Frau) musste er sich im „Drit­ten Reich“ schw­eren Herzens tren­nen. Auch diese Zeit samt Tätigkeit als Präsi­dent der „Reichsmusikkam­mer“, Aushängeschild der deutschen Kul­tur sowie seinen naiv-stör­rischen Rei­bun­gen mit dem Naziregime wer­den in einem Auf­satz kri­tisch aufgear­beit­et. Zwei Inter­views run­den das Bild ab; das erste mit dem Enkel Chris­t­ian Strauss, das zweite mit der Kam­mer­sän­gerin Brigitte Fass­baen­der, die nicht nur als Okta­vian Inter­pre­ta­tion­s­geschichte schrieb. Ins­ge­samt eine Pub­lika­tion, die viele Facetten von Strauss und Wien beleuchtet und eine frucht­bare Ära der The­atergeschichte wieder aufleben lässt.
Matthias Corvin