Bartók, Béla / Miklós Rózsa / Ferenc Farkas

Rhapsodie

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bayer Records BR 100 392
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 79

Eine orig­inelle Pro­gram­mauswahl hat der Oboen­vir­tu­ose Lajos Lenc­sés, bis 2010 Solo-Oboist im Radios­in­fonieorch­ester Stuttgart, für sein nobles Recital getrof­fen. Reizvoll allein schon, weil er auss­chließlich ungarische Kom­pon­is­ten inter­pretiert. Wobei man neben „alten Bekan­nten“ wie Béla Bartók, Fer­enc Farkas und Györ­gy Kurtág auch Namen begeg­net, die bei uns kaum bekan­nt sind, wie Sandór Bal­as­sa oder Sáry Vater und Sohn.
Dass Mik­lós Rózsa (1907–1995), der früh in die USA ging, eine Film­musik­größe in Hol­ly­wood war (Ben Hur, Der Dieb von Bag­dad), wusste man allen­falls. Eine Solosonate für Oboe, die den Hör­er dreizehnein­halb Minuten in Atem hält, hätte man ihm nicht unbe­d­ingt zuge­traut. Die drei Sätze dieses Spätwerks – rhap­sodisch der erste, elegisch der zweite, kapriz­iös der dritte – sind feine Charak­ter­stu­di­en des Blasin­stru­ments, wobei Bewe­gungsarten und Phys­iog­nomien dur­chaus chang­ieren. So gibt sich der Kopf­satz mal melo­di­enselig, mal tänz­erisch. Im gesan­glichen Andante tritt unverse­hens ein „Pup­pen­tanz­mo­tiv“ auf. Das abschließende Alle­gro con spir­i­to sprudelt nur so von ver­spiel­ten, tanzvergnügten Ein­fällen. Pen­ta­tonik und markante Akzen­tu­ierun­gen schaf­fen ein mag­yarisches Flair. Wie geschaf­fen für den Ungarn Lajos Lenc­sés.
Bartóks Drei Volk­slieder aus dem Komi­tat Csik (1907), ursprünglich für Klavier allein, sind eine frühe Rev­erenz an die eigene Heimat Trans­syl­vanien. In der hier gewählten Duo-Fas­sung übern­immt ein Zim­bal den Klavier­part.
Im Bei­heft nen­nt Lenc­sés das Erin­nerungsstück Ricor­danze für Englisch Horn und Stre­ichtrio von Fer­enc Farkas (1905–2000) zu Recht ein spätes Meis­ter­w­erk. Klare Struk­turen und lichte Far­bigkeit ver­weisen auf dessen Lehrer Ottori­no Resphi­gi. Die Atmo­sphäre des Stücks erin­nert mich stel­len­weise sog­ar an Schön­bergs Stre­ich­sex­tett Verk­lärte Nacht.
Die Som­mertags-Impres­sion Nyári Inter­mez­zo des 1935 gebore­nen Sán­dor Bal­as­sa – aufge­hende Sonne, Pas­torale, Sturmepisode, Abge­sang – erscheint wie ein Abbild des flüchti­gen Men­schen­lebens. Wozu der tönende Nachruf passt, den Györ­gy Kurtág dem bekan­nten ungarischen Musik­wis­senschaftler Györ­gy Króo nach­sandte (der über Bartók, Liszt, Schu­mann, Mahler und Strauss schrieb), gefügt aus Ton­leit­er- und Melodiefrag­menten.
Eigens für die Sopranistin Kriszti­na Jónás und Lajos Lenc­sés kom­ponierte Bánk Sáry (*1973) den Liederzyk­lus Cho­rus auf Gedichte des ungarischen Lyrik­ers Lás­zló Nagy (1925–1978): kahle Zwiegesänge über lei­der nicht abge­druck­te, doch inhaltlich skizzierte Texte. Der Erste preist das reini­gende, alles verzehrende „Ele­ment“ Feuer. Im schlicht­en Zweit­en fol­gt die Oboe wie ein Schat­ten den Spuren eines Blu­men­mäd­chens. Das abschließende Cho­rus-Gedicht ist ein zarter Hym­nus an die opfer­bere­ite Liebe.
Das Recital endet mit ein­er wort­losen Invocá­ció (Anrufung) für Oboe und Stre­ichquar­tett von Lás­z­lo Sáry (*1940), dem Vater von Bánk Sáry. Die Stre­ich­er bet­ten den Bläs­er auf einen aparten Klangtep­pich. Auf ihm ruhend, sendet er seine melodis­che Klage zu den Göt­tern.
Lutz Lesle