Gounod, Charles / Antonín Dvorák

Requiem / Messe in D

Hye-Lin Lur (Orgel), Rundfunkchor Berlin, Polyphonia Ensemble Berlin, Ltg. Risto Joost

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Carus 83.386
erschienen in: das Orchester 04/2015 , Seite 79

Ora­to­ri­enchöre hat­ten schon immer Schwierigkeit­en, für ihre Auf­führun­gen die nöti­gen Orch­ester zu find­en und zu finanzieren. Deshalb gebot – und gebi­etet heute nicht min­der – die Prax­is, sich nach alter­na­tiv­en Ver­sio­nen umzuschauen, Klavier zu zwei oder vier Hän­den etwa oder, bei geistlichen Werken, mit Orgel. Rechte­frei­heit der Werke voraus­ge­set­zt, beauf­tra­gen find­i­ge Ver­lage deshalb entsprechende Bear­beitun­gen oder find­en vom jew­eili­gen Kom­pon­is­ten autorisierte oder sog­ar selb­st ange­fer­tigte Reduk­tio­nen. Die Chöre greifen mit Recht dankbar zu.
Um solche Arrange­ments han­delt es sich bei der vor­liegen­den Ein­spielung. Charles Goun­od hat­te für sein 1894 posthum in der Paris­er Madeleine mit üppigem Orch­ester tri­umphal uraufge­führtes Requiem in c noch eine Bear­beitung für Soli, Chor und Orgel begonnen, eine Idee, die nun der renom­mierte Freiburg­er Organ­ist Zsig­mund Sza­th­máry in die Tat umge­set­zt hat. Antonín Dvorák dage­gen schrieb seine 1887 in pri­vatem Rah­men uraufge­führte D‑Dur-Messe op. 86 zunächst mit Orgel­be­gleitung; erst fünf Jahre später set­zte er den großen sin­fonis­chen Appa­rat hinzu, mit dem das Werk auch bekan­nt wurde. Die klangschöne Ein­spielung mit dem Berlin­er Rund­funk­chor stellt nun eine dritte Alter­na­tive mit einem von Joachim Linck­el­mann arrang­ierten Bläserquin­tett vor – eine schöne und vertret­bare Rem­i­niszenz an den bläser­fre­undlichen, „böh­mis­chen“ Ton­fall des stets sorgfältig und far­big instru­men­tieren­den Kom­pon­is­ten. Für die Mikro­fone prob­lem­los, wer­den große Chöre in der Prax­is eine Bal­ance mit den nur fünf Musik­ern (hier: das aus Mit­gliedern des Deutschen Sym­phonie-Orch­esters Berlin beste­hende „Poly­pho­nia Ensem­ble“) find­en müssen.
Auf­führung­sprak­tis­che Fra­gen wirft die recht sta­tisch und unel­e­gant wirk­ende Goun­od-Inter­pre­ta­tion auf. Der Chor, immer­hin ein her­aus­ra­gen­des pro­fes­sionelles Ensem­ble, begin­nt nach einem kurzen, chro­ma­tisch nach unten führen­den Orgelvor­spiel. Der Chor­satz schichtet sich stim­men­weise, eben­falls chro­ma­tisch, nach oben. Spätestens beim Tenor­ein­satz stimmt jedoch die Into­na­tion nicht mehr; immer wieder (beson­ders krass im „Recor­dare“) geht es haarscharf unter der Orgel­ton­höhe ent­lang. Ein Prob­lem, das bis zum Ende nicht gelöst wird und bei Dvorák nicht auftritt. Haben Chor­leit­er Ris­to Joost und der Ton­meis­ter dieses Manko nicht bemerkt? Gab es Schwierigkeit­en mit der Auf­stel­lung in der Pauluskirche, mit dem Hören der – bis aufs „Dies Irae“ – ins­ge­samt recht dezent und beschei­den klin­gen­den Orgel? Oder wurde gar „over­dubbed“? Falls es sich beim Auf­nah­me­ort um die Pauluskirche in Berlin-Zehlen­dorf han­delt (das Book­let wird nicht konkret), hätte immer­hin ein großes, das heißt: far­ben­re­ich disponiertes franzö­sisch-roman­tis­ches Instru­ment aus Karl Schukes Werk­statt zur Ver­fü­gung gestanden.
Andreas Bomba