Reissiger, Carl Gottlieb

Requiem für Soli, gemischten Chor und Orchester

Erstdruck, Partitur/Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2016
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 62

Carl Got­tlieb Reis­siger, 1798 als Sohn eines Kan­tors geboren, erhielt seine Aus­bil­dung in der Leipziger Thomass­chule und kon­nte dort als Chor­präfekt erste eigene Kom­po­si­tio­nen auf­führen. Her­aus­ra­gende Fähigkeit­en entwick­elte er als Klaviervir­tu­ose wie als Sänger. Nach ein­er kurzen Zeit als Kom­po­si­tion­slehrer an der Berlin­er Kirchen­musikschule wurde er nach dem Tod Webers und dem Weg­gang Marschn­ers 1826 zum Musikdi­rek­tor der Dres­d­ner Hofkapelle berufen. 1828 wurde er, obwohl er Protes­tant war, verpflichtet, regelmäßig Musik für die katholis­che Hofkirche zu kom­ponieren. Die förm­liche Ernen­nung zum Hofkapellmeis­ter erfol­gte erst 1851. Heute noch bekan­nt ist er als Förder­er des jun­gen Wag­n­er: Er dirigierte die Urauf­führung von dessen Rien­zi und später trotz eines hefti­gen Zer­würfniss­es den Tannhäuser. Sein fre­und­schaftlich­es und kün­st­lerisches Ein­vernehmen u.a. mit Spohr, Schu­mann, Berlioz und Liszt lässt die Kri­tik von Seit­en der Wag­ne­r­i­an­er als Polemik erscheinen.
Das Requiem ent­stand 1837/38 und wurde in der Folge mit ger­ingfügi­gen Verän­derun­gen zu Trauer- und Gedenk­feiern des Hofes wieder­holt aufge­führt – bis 1912 etwa 100 Mal. Da es nicht gedruckt wurde, erk­lang es auss­chließlich in Dres­den. In ein­er „Com­po­si­tion für den Kirchen­di­enst“ ist es nicht ver­wun­der­lich, dass Reis­siger hier keine neuen kün­st­lerischen Wege erprobt. Die schlichte Feier­lichkeit der ersten bei­den Chorsätze führt stilis­tisch eher in das späte 18. Jahrhun­dert, es fol­gt ein lied­haftes Sopran­so­lo. Im Zen­trum des Kyrie ste­ht eine Fuge, die Reis­sigers fundiertes tech­nis­ches Kön­nen zeigt. Wenn das Dies irae auf dif­feren­zierte Struk­turen verzichtet, mag dies aus Rück­sicht auf den lan­gen Nach­hall der Hofkirche geschehen sein. Sichtlich vom Duk­tus Mozart’scher Vor­bilder bee­in­flusst sind die fol­gen­den Sätze, beson­ders das Lac­rimosa. Ein­drucksvoll ist die Tripel­fuge „Quam olim Abra­hae“, eben­so das frei poly­fone Osan­na. Klas­sizis­tis­ch­er Wohlk­lang beherrscht das Werk bis zum Schluss.
Der vor­liegende Erst­druck greift auf das hand­schriftliche Auf­führungs­ma­te­r­i­al zurück, in dem sich zahlre­iche Diskrepanzen in Dynamik und Phrasierung find­en. Schw­er­er wiegen einige offen­sichtliche Noten­fehler, die im Kri­tis­chen Bericht nicht erwäh­nt wer­den.
Prob­lema­tisch ist der Klavier­auszug: Etliche klan­glich oder struk­turell wichtige Noten fehlen; wo der Kon­tra­bass selb­st­ständig geführt ist, fol­gt der Klavier­bass oft der Cel­lostimme, was den har­monis­chen Sinn entstellt. Falsche Balkenset­zung macht das Lac­rimosa schw­er les­bar; der Klavier­satz ist hier im Übri­gen zu fül­lig. In Takt 48 des Exau­di ist das c des Klavier­auszugs wahrschein­lich­er als das ces der Par­ti­tur.
Mit seinen mäßi­gen tech­nis­chen Ansprüchen ist Reis­sigers Requiem für Laienchöre erre­ich­bar. Vor dem Ein­studieren ist eine sorgfältige Kor­rek­tu­rar­beit zu leis­ten.
Jür­gen Hinz