Sebastian Hannak/ Florian Lutz (Hg.)

Raumbühne Heterotopia

Neue Perspektiven im Musiktheater

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Theater der Zeit
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 59

Das Pub­likum hörte beim Betreten der Haupt­bühne zunächst die stur­mgepeitschte Ouvertüre von Wag­n­ers Fliegen­dem Hol­län­der über die nicht son­der­lich bril­lanten Büh­nen­laut­sprech­er. Dann sah es sich nach der Bestück­ung mit zitro­nen­gel­ben Warn­west­en damit kon­fron­tiert, selb­st als Lohn­ab­hängige von Dalands tur­bokap­i­tal­is­tis­chem Geschäft­sim­peri­um agieren zu müssen. In mehreren Zyklen wurde die Raum­bühne Het­ero­topia von Sebas­t­ian Han­nak, der für diese büh­nenäs­thetis­che Glanz­tat den The­ater­preis „Der Faust“ erhielt, zu einem das Pub­likum gle­icher­maßen fordern­den wie beglück­enden Ereig­nis der Oper Halle. An diese knüpft das Leitung­steam – Flo­ri­an Lutz, Michael von zur Mühlen und Veit Güs­sow – in sein­er drit­ten Spielzeit 2018/19 mit Sebas­t­ian Han­naks zweit­er Raum­bühne Baby­lon an.
Der vor­liegende Band mit vie­len Fotos und Tex­ten von Flo­ri­an Lutz, Sebas­t­ian Han­nak, Matthias Bren­ner, Sophie Scher­er, Kor­nelius Paede, Julia Spin­o­la und Clemens Mey­er ent­stand, anders als die meis­ten Ausstel­lungs-, Per­for­mance- und Open-Art-Kat­a­loge nicht vor, son­dern nach diesen etwa hun­dert tollen Het­ero­topia-Tagen. Er ist eine Doku­men­ta­tion von Konzep­tion, szenis­ch­er Real­isierung und aktiv­er Besitz­nahme durch Inter­pre­ten und Pub­likum.
Leit­en ließ sich Han­nak von Michel Fou­caults Gedanken zur Het­eropolo­gie des The­aters. Klaus Zehelein nen­nt in seinem Gruß­wort ins­beson­dere The­ater „als einzi­gen Ort mehrerer Räume“, auf dessen Bühne „eine ganze Rei­he von einan­der frem­den Orten aufeinan­der fol­gen“. Um es gle­ich zu sagen: Die Bil­der geben in zwar ästhetisch bestechen­der Form den Het­ero­topia-Zyk­lus wieder, rück­en aber dieses großar­tige The­ater­ereig­nis mit einem dis­tanzieren­den Rah­men in die Ferne. Der Band muss zwangsläu­fig hin­ter dem Erleben dieses fordernd inter­ak­tiv­en und dabei unter­halt­samen Pro­jek­ts zurück­bleiben.
Das Eigene und das Fremde durch­zog die Auswahl der Stücke, die neben der Auf­führung von Elfriede Jelineks Wut durch das Neue The­ater Halle und dem 12-Stun­den-Konz­ert Far­ben der Mod­erne als Streifzug der Staatskapelle Halle durch die Neue Musik auch zwei Musik­the­ater-Urauf­führun­gen brachte: Sarah Nemtsovs und Clemens Mey­ers Sac­ri­fice, später im Rah­men des Impuls-Fes­ti­vals für Neue Musik Sach­sen-Anhalt Leyan Zhangs und Hans Rot­mans Spiel im Sand. Diese reflek­tierten die aktuellen The­men Migra­tion, Recht­sruck, Flüchtlingskrise und Fun­da­men­tal­is­mus. Zu einem unmit­tel­baren Reak­tionsreflex auf die hohen Wahlergeb­nisse der AfD bei den Land­tagswahlen in Sach­sen-Anhalt 2016 wurde die vielschichtige „musikalis­che Heimat­bege­hung“ Kein schön­er Land. Ger­ade durch die kün­st­lerische Inter­ak­tion mit neuen Werken ent­standen ganz neuar­tige Her­aus­forderun­gen.
Bei der räum­lichen Pla­nung von Het­ero­topia waren die Auf­trags­wer­ke noch nicht fer­tig. So ent­stand die Möglichkeit, span­nende Rau­mideen zu entwick­eln, die das Erleben viel unmit­tel­bar­er beflügel­ten als eine The­ater­si­t­u­a­tion mit der Tren­nung von Pub­likum und Aus­führen­den durch eine vierte Wand.
Roland H. Dip­pel