Werke von Mozart, Bernstein, Lennon und Rantala

Iiro Rantala (Klavier), Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: The Act Company ACT 9868-2
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 71

Dass Mozart swingt, dürfte selb­st den kon­ser­v­a­tivsten unter den Klas­sik­fans ver­traut sein. Gle­ich­wohl wird diese Klien­tel bei der hier vorgestell­ten Auf­nahme mit dem finnis­chen Jaz­zpi­anis­ten Iiro Ranta­la wohl erst mal schluck­en müssen, bevor sich all­ge­meine Begeis­terung ein­stellt. Gegen­stand ist Mozarts c-Moll-Konz­ert, das berühmte KV 467, in einem (lei­der ab und an ver­hus­teten) Livemitschnitt eines Konz­erts, das der Star der finnis­chen Jaz­zszene im ver­gan­genen Früh­jahr in Bre­men gegeben hat – zusam­men mit der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men, die nun auch ein weit über die Gren­zen ihrer Stadt hin­aus hochgeschätztes Musik­erkollek­tiv darstellt.
Keine zehn Sekun­den an den Tas­ten, nimmt sich Ranta­la schon eine kreative Auszeit, nutzt ein Trillerchen zu einem kleinen Break, der ihn auf fröh­lich abwegige und dann doch ganz har­monisch wiedereingegliederte Skalen führt. Das ist hüb­sch und über­raschend, aber das wäre kaum mehr als ein Effekt, ent­pup­pte sich Ranta­la im Lauf des Konz­erts nicht als unge­mein präzis­er Ken­ner und Kön­ner des Werks.
Denn vor allem die perkus­siv­en Impulse, die er Mozarts so unschein­baren Begleit­fig­uren mit­gibt, kat­a­pul­tieren die Ohren aus dem „Kenn ich sowieso“-Modus. Dazu benötigt er kaum mehr als einen Akzent gegen den Tak­tschw­er­punkt, und schon begin­nen die Noten zu tanzen. Dabei phrasiert er Mozarts luzide Melo­di­en schon beina­he zärtlich ab, über­all in seinem Spiel ist Atem und Puls. Natür­lich lässt er es sich nicht nehmen, in den großen Kaden­zen den Stil­bruch zum Prinzip zu machen.
Denn schließlich ist das For­mat, in dem dieses Konz­ert stat­tfand, ein jazz­iges. Und so gibt’s nach ein­er beson­deren Impro­vi­sa­tion auch schon mal spon­ta­nen Beifall des Audi­to­ri­ums. Im großen Ganzen
jedoch bleibt der Star ganz nah bei Mozart, zumin­d­est dem Geist sein­er Musik. Und die Pianis­ten unter uns bewun­dern auch noch die vie­len kleinen tech­nis­chen Raf­fi­nessen, mit denen Ranta­la seine Inter­pre­ta­tion aufzuck­ert. Das Andante ist aus einem Guss, das Ron­do ein rauschen­des Fest.
Neben Mozart beherbergt diese CD aber noch jede Menge andere Musik, bei der sich vor allem die Jaz­zge­meinde ange­sprochen fühlen dürfte, ACT ist ja ein aus­gewieses Jaz­zla­bel. Ranta­la impro­visiert am Klavier ger­adezu aus­ge­lassen musikan­tisch. Sein Witz, all die von ihm beherrscht­en Stile, die unglaubliche Dynamik seines Anschlags – das alles ist außergewöhn­lich und reißt zu Beifallsstür­men hin.
Wie er Bern­steins Can­dide-Ouvertüre aus dem Flügel häm­mert, ist schlicht fan­tastisch; John Lennons Song Imag­ine, unter­malt von den Stre­ich­ern der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men, ist ein Ereig­nis. Dazwis­chen eine ganze Rei­he von Eigenkom­po­si­tio­nen, teils im Stre­icher­bett, teils solo, immer begeis­ternd. Selb­st da, wo’s trau­rig wird, beim Titel Tears for Esb­jörn, der dem 2008 gestor­be­nen schwedis­chen Aus­nah­me­jazzer Esb­jörn Svens­son zugeeignet ist, weiß Ranta­la zu verza­ubern, auf der Gren­ze zum Pop, aber so schön…
Armin Kau­manns