Ulrich Tadday

Ralph Vaughan Williams

Musik-Konzepte Sonderband

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: edition text + kritik
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 58

Es ist lei­der immer noch so, dass die britis­che Musik in der deutschsprachi­gen Forschungslit­er­atur keine wirk­lich bedeu­tende Rolle spielt. In der ver­di­en­stvollen Rei­he „Musik-Konzepte“ etwa hat man sich erst seit eini­gen Jahren eini­gen aus­gewählten britis­chen Ton­set­zern gewid­met. Da kommt der aktuelle Son­der­band mit Auf­sätzen zum Schaf­fen von Ralph Vaugh­an Williams ger­ade recht – um so mehr, als dieser Kom­pon­ist mit sein­er Musik zwar auf dem Ton­träger­markt gut vertreten ist, nicht jedoch im Konzertleben, schon gar nicht in Mit­teleu­ropa. „Um ein Konzert­leben, das seine Sin­fonik ignori­ert, ist es schlecht bestellt“, kon­sta­tiert Mein­hard Sarem­ba in seinem Essay „Einan­der durch unsere Kun­st ken­nen und lieben …“, der gle­ich zu Beginn des Ban­des abge­druckt ist, völ­lig zu Recht.

Was sich in dem Buch jedoch eher wenig find­et – im Gegen­satz zu den son­sti­gen Zie­len der Musik-Konzepte-Rei­he –, sind Stu­di­en zu aus­gewählten Aspek­ten zum Schaf­fen des Kom­pon­is­ten. Wahrschein­lich einge­denk der Tat­sache, dass die Musik von Ralph Vaugh­an Williams für viele deutschsprachige Musik­fre­unde immer noch eine unbekan­nte Größe darstellt, hat man sich dazu entsch­ieden, einen Überblick über sein Œuvre zu präsen­tieren, geord­net nach Gat­tun­gen: die neun Sin­fonien, aufgeteilt auf drei Autoren, son­stige Instru­men­tal­musik, Lieder und Kam­mer­musik, die Opern sowie Chor- und Kirchen­musik. Zudem ist dem Opus sum­mum „RVWs“, der Oper The Pilgrim’s Progress, eben­so ein eigen­er Auf­satz gewid­met wie der Film­musik Scott of the Antarc­tic und der daraus resul­tieren­den siebten Sin­fonie, der Sin­fo­nia antar­ti­ca. Den Anfang macht, wie erwäh­nt, der umfassende und sehr infor­ma­tive Text Mein­hard Sarem­bas, der sich sowohl mit der Rezep­tion Vaugh­an Williams’ in Europa, speziell in Deutsch­land, beschäftigt wie auch mit seinem Bezug zum eige­nen Land und sein­er Kul­tur, die mit Nation­al­is­mus im herkömm­lichen Sinn nichts gemein hat.

Die Qual­ität der übri­gen Texte schwankt von Autor zu Autor. Anni­ka Fork­ert etwa hat in der gegenüber­stel­len­den Unter­suchung der Sin­fonien 4 und 5 dur­chaus etwas Eigenes beizu­tra­gen – dergestalt zum Beispiel, dass die schein­bar so friedliche Fün­fte keineswegs eine „Zurück­nahme“ der aufgewühlten und dis­so­nan­ten Vierten darstellt. Einige Texte, etwa der über die Lieder und Kam­mer­musik, beschränken sich über weite Streck­en auf eine kur­sorische Aufzäh­lung dessen, was im jew­eili­gen Genre bei RVW zu find­en ist. Auch ver­misst man im Text über The Pilgrim’s Progress eine stärkere Berück­sich­ti­gung der zahlre­ichen Querverbindun­gen, die sich in Vaugh­an Williams’ Schaf­fen zu dieser Oper find­en lassen. Sehr erhel­lend wiede­rum der Auf­satz über das „Antark­tis-Pro­jekt“ – und wie die siebte Sin­fonie musikalisch größ­ten­teils eine andere, weit weniger hero­is­che, Grun­daus­sage trifft als der Film. Ins­ge­samt hätte man sich mehr von diesem Band ver­sprechen kön­nen, aber zu ein­er kom­pak­ten Ein­führung in das Schaf­fen eines der inter­es­san­testen englis­chen Kom­pon­is­ten ist er alle­mal von Nutzen.

Thomas Schulz