Sergej Rachmaninow

Rachmaninoff in Lucerne Rhapsody op. 43/ Symphony No. 3

Behzod Abduraimov (Klavier), Luzerner Sinfonieorchester, Ltg. James Gaffigan

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19075981622
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 92

Entspan­nt sitzt er in ein­er Hänge­mat­te, lehnt läs­sig am Fen­ster­sims und trinkt am Gar­ten­tisch lachend einen Tee im Kreis sein­er Fam­i­lie. So pri­vat hat man den Russen Sergej Rach­mani­now sel­ten gese­hen. Die auf seinem Anwe­sen „Senar“ am Vier­wald­stät­tersee ent­stande­nen Fotos zieren das aus­geze­ich­nete Book­let ein­er neuen CD. In der Schweiz fand der nach der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion in die USA emi­gri­erte Kom­pon­ist und Pianist 1930 wieder ein europäis­ches Heim auf neu­tralem Boden. Hier und in Ameri­ka ent­standen die let­zten Werke des Entwurzel­ten, den Heimweh nach Rus­s­land quälte. Als er die sow­jetis­che Kul­tur­poli­tik in der “New York Times” öffentlich kri­tisierte, strich man dort seine Werke aus den Pro­gram­men. Wie er sich dabei wohl gefühlt hat?
Luzern ist von seinem Anwe­sen nicht weit. So wun­dert es nicht, dass diese Auf­nahme vom Luzern­er Sin­fonieorch­ester stammt. Das von James Gaffi­gan geleit­ete Orch­ester will natür­lich keinen Lokalpa­tri­o­tismus aufkeimen lassen. Der inter­na­tion­al renom­mierte Klangkör­p­er gibt dem welt­män­nis­chen Rach­mani­now eine Stimme. Zwei epochale Werke vere­int die CD: die dritte Sin­fonie und die „Pagani­ni-Vari­a­tio­nen“ für Klavier und Orch­ester. Zwei Werke, die die Größe und Meis­ter­schaft dieses Kom­pon­is­ten beweisen, der allzu oft als vergessen­er Spätro­man­tik­er ad acta gelegt wurde. Gle­ich der eben­so trock­ene wie prick­el­nde Beginn der „Pagani­ni-Vari­a­tio­nen“ (1934) offen­bart, dass die Inter­pre­ten viele mod­erne Züge aus dieser Musik her­auskitzeln. Behzod Abdu­raimov spielt einen gän­zlich unsen­ti­men­tal­en Rach­mani­now. Die berühmte 19. Vari­a­tion wird detail­liert aus­gear­beit­et, wobei die Nähe zu Klavierkonz­erten betont wird. Der Pianist ist hier ein Kom­men­ta­tor, der sich den schwärmerischen Auf­schwün­gen des Orch­esters trotzig ent­ge­gen­stellt. In den schnellen Vari­a­tio­nen herrscht eine pointierte Vir­tu­osität im Ver­bund mit „Neuer Sach­lichkeit“ vor. Rach­mani­nows eigene Auf­nah­men mögen als Vor­bild gedi­ent haben, auch wenn sie eine Spur ele­gan­ter klin­gen. Eine Beson­der­heit dieser Auf­nahme ist außer­dem, dass Abdu­raimov auf Rach­mani­nows orig­i­nalem Stein­way-Flügel (Bau­jahr 1934) aus der Vil­la „Senar“ musiziert. Dessen Klang kommt rel­a­tiv warm aus den Box­en, was aber auch an der Auf­nah­me­tech­nik liegen mag.
Das Orch­ester greift die trock­ene Sichtweise auf. So wirkt die dritte Sin­fonie so wie sie ist: ein mod­ernes State­ment im 20. Jahrhun­dert! Die Amerikan­er hat­ten mit der 1934 von Leopold Stokows­ki in Philadel­phia uraufge­führten Sin­fonie ja so manche Schwierigkeit­en. Ihre Erwartung­shal­tung wurde nicht erfüllt. Denn dieses Werk lebt auch von Brüchen, kul­tiviert die Spätro­man­tik nicht mehr unre­flek­tiert. Im Ver­gle­ich zu vorhan­de­nen Auf­nah­men mag die Emphase gebremst sein. James Gaffi­gan stellt sich aber ganz in den Dienst der Par­ti­tur. Das Ergeb­nis wirkt zeit­los, prä­gant und trans­par­ent. Das Lul­la­by aus den sechs “Moment Musi­caux” für Klavier op. 16 run­det die Auf­nahme ab.

Matthias Corvin