Bach, Carl Philipp Emanuel

Quartette für Clavier, Flöte und Bratsche

Salzburger Hofmusik: Linde Brunmayr-Tutz (Traversflöte), Ilia Korol (Viola), Wolfgang Brunner (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic HC16016
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 69

Carl Philipp Emanuel Bach blieb bis heute unter­schätzt. Dabei war er der mutig­ste Erneuer­er unter den Bach-Söh­nen. Er hat die barocke Vorstel­lung, dass ein ganz­er Satz oder eine ganze Arie einen Affekt darzustellen habe, über den Haufen gewor­fen und brachte oft in einem kurzen Zeitraum ver­schieden­ste Gefüh­le zum Aus­druck. Damit spiegelte seine Musik den Auf­bruch der „Sturm und Drang“-Epoche aus dem Barock in die Abgründe der Roman­tik.
Wie soll man diese Musik spie­len? Wolf­gang Brun­ner stellt diese Frage exem­plar­isch für den Anfang des D-Dur-Quar­tetts: In den ersten fünf Tak­ten erklin­gen fünf ver­schiedene Affek­te. Soll man das zer­ris­sen spie­len oder die Unter­schiede glatt bügeln? Dass die Entschei­dung für einen dieser Wege nicht alter­na­tiv­los ist, beweist der Ham­merklavier­spezial­ist mit sein­er Salzburg­er Hof­musik: Er zeigt die Stim­mungswech­sel, die sich auf kle­in­stem Raum ereignen, aber baut sie doch in einem Gesamtzusam­men­hang ein. Diese weniger radikale Lösung lässt Carl Philipp Emanuel Bachs Musik in einem neuen Licht erscheinen. Sie wirkt so nicht bruch­stück­haft, son­dern ver­mag auch große Zusam­men­hänge darzustellen und eine erzäh­lende Hal­tung einzunehmen.
Allerd­ings lebte er in ein­er Zeit, in der manch­es Alte in Frage gestellt wurde, aber nicht über­wun­den war. So sind die Quar­tette ja gar keine Quar­tette, wenn man auf die Beset­zung sieht: Tra­vers­flöte, Vio­la, Klavier. Man kön­nte freilich einen Con­tin­uobass hinzufü­gen, was aber schon zu Carl Philipp Emanuel Bachs Zeit nicht immer üblich war. Die „vierte“ Stimme wurde also nur von der linken Hand des Pianis­ten gespielt. Würde man, so Brun­ner im höchst infor­ma­tiv­en Bei­heft, einen Bass, etwa ein Vio­lon­cel­lo hinzufü­gen, würde mehr das Kon­tinuier­liche betont und der plöt­zliche Wech­sel von Affek­ten in den Hin­ter­grund treten.
Doch das Fehlen des Con­tin­uobass­es bewirkt vor allem auch, dass hier eine neue Frei­heit von Kam­mer­musik erlebt wer­den kann. Wie im G-Dur-Quar­tett am Anfang die drei Instru­mente zusam­men­spie­len, dann einzeln her­vortreten, in Dialo­gen einan­der zus­pie­len, das ist gegenüber dem Barock etwas ganz Neues.
Die drei Musik­er der Salzburg­er Hof­musik kosten mit viel Spiel­freude und Sinn für Nuan­cen diese kam­mer­musikalis­che Frei­heit aus. Sie sind bestens aufeinan­der abges­timmt, was auch den Klang von Tra­vers­flöte, Barock­bratsche und Ham­merklavier bet­rifft. Hier herrscht eine wohltuende Bal­ance, Voraus­set­zung für ein Spiel voller Tief­gang wie etwa im Ada­gio des G-Dur-Quar­tetts, voller Dra­matik im Alle­gro assai des a-Moll-Quar­tetts oder vir­tu­os­er Spiel­freude im Alle­gro molto des D-Dur-Quar­tetts.
So lässt sich auf dieser CD ein neuer Carl Philipp Emanuel Bach ent­deck­en, ein Kam­mer­musik­er voller Esprit und emo­tionaler Zeris­senheit – kein Vorgänger von Wolf­gang Amadeus Mozart, son­dern ein eigen­ständi­ger Meis­ter.
Franzpeter Mess­mer