Quartett Rosé

Historische Aufnahmen von Werken Sarasates, Goldmarks, Nardinis, Haydns, Beethovens, Mendelssohns und anderen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Podium POL-1011
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 72

Das Wiener Rosé-Quar­tett ist heute haupt­säch­lich noch im Zusam­men­hang mit zahlre­ichen Urauf­führun­gen bekan­nt: Die Liste ist bemerkenswert und reicht von Brahms’ G-Dur-Stre­ichquin­tett op. 111 und Klar­inet­ten­quin­tett op. 115 bis zu Schön­bergs Sex­tett Verk­lärte Nacht und den Stre­ichquar­tet­ten

d-Moll op. 4 und fis-Moll op. 10. Die „Luft vom anderen Plan­eten“, die Let­zteres berühmt machte, also den Schritt zur freien Tonal­ität, ­atmete das Ensem­ble um den Konz­ert­meis­ter der Wiener Hofop­er und Quar­tett-Pri­mar­ius Arnold und seinen Brud­er, den in Weimar täti­gen Cel­lis­ten Eduard Rosé, allerd­ings nicht, während man in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhun­derts immer­hin auch Werke von Korn­gold, Schmidt oder Wein­gart­ner aus der Taufe hob. 1938 ging Arnold nach Lon­don in die Emi­gra­tion, während Eduard, der die jün­gere Schwest­er von Gus­tav Mahler gee­he­licht hat­te, in Weimar verblieb, deportiert wurde und 1943 in There­sien­stadt starb.

Unter Ken­nern sind die Auf­nah­men des Rosé-Quar­tetts dur­chaus bekan­nt, aber sie sind heute schwierig greif­bar oder nur für Spezial­is­ten zugänglich, die noch über analoge Plat­ten­spiel­er, gar solche mit 78 Umdrehungen/Minute ver­fü­gen. Denn was das Quar­tett und seine Mit­glieder an Ton­doku­menten hin­ter­lassen haben, wurde alles auf Schel­lack geban­nt. Äußerst ver­di­en­stvoll ist daher Wolf­gang Wen­dels Ini­tia­tive, einige sel­tene Ton­doku­mente Arnold Rosés und seines Quar­tetts nun dig­i­tal­isiert auf CD zu pub­lizieren, mit aus­führlichem Book­let zur Musik­er­fam­i­lie Rosé.

Die Auf­nah­men stam­men aus den Jahren zwis­chen 1902 (in diesem Jahr machte Caru­so seine erste Plat­te) und 1931. Sie unter­schei­den sich sehr in ihrer Ton­qual­ität, denn ger­ade in diesen zweiein­halb Jahrzehn­ten verän­derte sich die Auf­nah­me­tech­nik ras­ant. Das um 1900 noch neue Ver­fahren der Tonaufze­ich­nung war Ende der 20er zu einem Massen­medi­um gewor­den. Da das Ton­band erst 1935 mark­t­fähig entwick­elt war, waren Direk­tschnitte auf Schel­lack bis dahin nur ohne Kor­rek­turen möglich: Das macht sie musikalisch inter­es­sant, da keine nachträglichen Ein­griffe möglich waren.

Es braucht eine Weile, bis sich das heutige Ohr an die Nebengeräusche gewöh­nt hat und man – beson­ders in den sehr frühen Auf­nah­men – die Geige über­haupt als Geige iden­ti­fizieren kann. Der Hör­genuss ist teil­weise deut­lich eingeschränkt, aber die his­torische Bedeu­tung dieser sel­te­nen Doku­mente ste­ht außer Frage. Bei Beethovens Quar­tett op. 18/4 (Kom­plet­tauf­nahme von 1927), aber auch den Auf­nah­men von Einzel­sätzen Cheru­bi­nis, Boc­cheri­nis oder Haydns, beson­ders aber in der Bach’schen Air aus der Suite in D-Dur, die aus den 20ern stam­men, sind die typ­isch wiener­ische Behand­lung des Met­rums und der musikalis­chen Agogik auf­fal­l­end, die Arnold Rosés Geigen­spiel ausze­ich­neten.

Matthias Roth