Matthias Hutter

Quartett

für Oboe d‘amore, Violine, Viola und Violoncello, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Aulos, Dessau-Roßlau
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 67

Die Oboe d‘amore ist lei­der nicht mit einem dick­en, knis­tern­den Stapel anspruchsvoller Kam­mer­musi­knoten geseg­net. Wenn sie solis­tisch ertönt, wird es dem Hör­er häu­fig sog­ar ein wenig wei­h­nachtlich ums Herz. Ganz anders hat Matthias Hut­ter die Oboe d’amore in seinem neuen Quar­tett für Oboe d’amore, Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo op. 53 einge­set­zt. Hochvir­tu­os, drama­tisch, verträumt und expres­siv bis in den let­zten Ton, kein biss­chen mit der Pati­na des vorge­blich lieblich­sten Nebenin­stru­ments der Oboe über­zo­gen, darf sie hier ihre ganze Klangschön­heit, ihre große tech­nis­che Wendigkeit und ihr feines dynamis­ches Spek­trum zele­bri­eren. Auch Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo wer­den in diesem Quar­tett musikalisch gefordert.
Dem Hör­er bietet dieses Quar­tett eine Vier­tel­stunde puren Musik­genuss­es. Es bere­ichert mit Sicher­heit jedes Kam­mer­musikkonz­ert in der Beset­zung Oboe, Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo, doch es erfordert dur­chaus inten­sive Probe­nar­beit und selb­stver­ständlich gute tech­nis­che Beherrschung der Instru­mente. Das ein­sätzige Quar­tett ist deut­lich struk­turi­ert durch sowohl sehr langsame, dann wieder sehr flotte Tem­pi, teils aber durch sich wieder­holende Struk­turen und Fig­uren. Die Oboe d’amore wird als einziges Blasin­stru­ment in dieser Beset­zung von Beginn an als strahlende Solistin einge­set­zt, darf bis zum notierten g”’ hin­auf, rast durch blitzschnelle Ten­tolensechzehn­tel und set­zt die sat­ten Töne der tiefen Lage wohlig auf die drei Streicher.
Diese treten teils als sehr einiges Trio auf und rollen der Oboe d’amore oft einen ele­gan­ten, musikalis­chen Samt­tep­pich aus. Nur die Vio­line tritt manch­mal als solis­tis­ch­er Part­ner der Oboe her­vor, wodurch schöne Inter­ak­tio­nen entste­hen. So ergänzt die Vio­line zu Beginn die Ten­tolen der Oboe d’amore mit kleinen Ein­wür­fen und gibt neben­bei dem Obois­t­en die Möglichkeit zu atmen. Kurze, tech­nisch nicht über­mäßig anspruchsvolle Kaden­zen geben der Oboe d’amore weit­ere Gele­gen­heit­en, char­mant mit ihrem Klang zu bezirzen. Wenige Vierteltöne in der Oboe und Fla­geo­letts in den Stre­ich­ern sor­gen für zusät­zliche klan­gliche Varianten.
Ins­ge­samt find­et man in diesem Werk Hut­ters jedoch keine Pas­sagen, die durch Spiel­tech­nik und Har­monik unbe­d­ingt musikalis­ches Neu­land markieren wollen. Synkopisierte Stellen und die vie­len unisono geset­zten Ein­würfe der Stre­ich­er müssen auf den Punkt gebracht wer­den, damit das schöne Stück nicht ins Schwim­men gerät und zu einem expres­siv­en Klang­bad mutiert. Denn Kom­pon­ist Hut­ter hat hier nichts dem Zufall über­lassen. Das Quar­tett ist dem Solo-Obois­t­en David Wern­er gewid­met, in dessem Ver­lag das Werk auch erschienen ist.
Engagierte Musik­lieb­haber, fort­geschrit­tene Schüler oder wenig erfahrene Stu­den­ten wer­den diese Musik möglicher­weise als Hör­er mehr genießen kön­nen denn als Spiel­er. Für ges­tandene Musik­er jedoch, die gern inten­siv Kam­mer­musik betreiben, ist das Quar­tett eine unbe­d­ingte Bere­icherung. Für das Pub­likum ebenso!
Heike Eickhoff