Francesco Geminiani

QE – Quinta Essentia

Concerto Köln

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 70

Mit sehr viel Liebe zu diversen Details – vom sehr ansprechen­den und über­aus infor­ma­tiv­en Book­let bis hin zur Stück­eauswahl – hat Loren­zo Alpert, seit 1991 erster Fagot­tist bei Con­cer­to Köln, das Pro­gramm zur jüng­sten CD-Ein­spielung seines Ensem­bles recher­chiert, zusam­mengestellt und kün­st­lerisch gestal­tet. Auf dem CD-Cov­er stechen in pink die Buch­staben „QE“ vor barock­em Engel­streiben ins Auge: Quin­ta Essen­tia. So lautet auch der Titel der Piè­cen von Francesco Gem­ini­ani (1687–1762), die Con­cer­to Köln, inter­na­tion­al bekan­nt für die Inter­pre­ta­tion der Musik des 18. und frühen 19. Jahrhun­derts in his­torisch informiert­er er Auf­führung­sprax­is, hier einge­spielt hat.
Der Scar­lat­ti-Schüler Gem­ini­ani machte sich sowohl als Kom­pon­ist als auch als beg­nade­ter Geiger und Autor divers­er Werke über Auf­führung­sprax­is einen Namen. Mit diesem Hin­ter­grund­wis­sen über­ar­beit­ete er nicht nur eine Vielzahl von Corel­li-Sonat­en, son­dern verän­derte ständig auch seine eige­nen Kom­po­si­tio­nen auf eine Art und Weise, die das dama­lige Pub­likum als unberechen­bar bis kapriz­iös ein­stufte.
In der vor­liegen­den, beina­he 80 Minuten lan­gen Ein­spielung erklingt eine kurzweilige Auswahl ver­schieden­er Sätze aus Gem­ini­a­n­is Con­cer­ti-Bear­beitun­gen, die zunächst an gle­ich­namige Werke von Hän­del erin­nern, sich jedoch bei genauerem Hin­hören als ver­trak­ter, ver­spiel­ter, manch­mal etwas sper­rig erweisen. Getra­gen und würde­voll eröffnet das Grave aus dem Con­cer­to Grosso op 7 Nr. 2 den musikalis­chen Reigen, der sich fort­set­zt im Par­lieren von Vio­li­nen und Violen, die sich mal poly­fon ver­fol­gen und dann wieder Hand in Hand eine weit­ere Wegstrecke gestal­ten.
In ähn­lich­er Art ver­laufen auch die weit­eren Pro­gramm­punk­te: In barock­er Terassen­dy­namik erklin­gen bewegte, heit­ere Pas­sagen und getra­gene, majestätis­che Plateaus im Wech­sel, was zugegeben­er­maßen zunächst ermü­dend wirken mag in sein­er über­bor­den­den Fülle an doch ähn­lich wirk­enden musikalis­chen Inhal­ten. Doch bei mehrma­ligem Hören erschließen sich ungewöhn­liche musikalis­che Verästelun­gen und beina­he med­i­ta­tiv wirk­ende Ruhep­unk­te. Gem­ini­ani wusste um den Zauber von har­monis­chen Durchgän­gen und Quint-Quar­t­fällen, vom Ein­satz der Solovi­o­line, die mit vir­tu­osen Girlan­den in zauber­hafte Gärten ent­führt, in denen es aus reinen Quellen zu gurgeln scheint, Hel­ligkeit und Leichtigkeit sich zu einem Bild von zeit­los freudi­gem Über­schwang ergänzen.
Die her­vor­ra­gen­den Musik­er von Con­cer­to Köln wer­den selb­stver­ständlich jed­er dieser Vor­gaben auf höch­stem Niveau gerecht. Den­noch wün­schte ich mir an manch­er Stelle ein tem­pera­mentvoll mutiges Aus­brechen aus den gängi­gen dynamis­chen Herange­hensweisen, sodass Pianis­si­mi und For­tis­si­mi sich noch extremer auseinan­der bewe­gen, ein Presto mutig bis an seine Gren­ze galop­piert, ein Grave noch tiefer schürft und der Dia­log zweier Solostim­men in noch selb­st­be­wusster­er Art und Weise die jew­eils eigene Lin­ie ver­tritt, um sich dann im Kon­sens zusam­men­zufind­en.
Kathrin Feld­mann