Gespräch: Georg Rudiger

„Putin ist der russischen Kultur unwürdig“

Chefdirigent Luigi Gaggero im Interview über seine Arbeit mit dem Kyiv Symphony Orchestra

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 10/22 , Seite 22

Sieben bewegende Konzerte hat das Kyiv Symphony Orchestra auf seiner Deutschlandtournee von Dresden bis Hamburg im April gegeben. Das Orchester aus Kiew befand sich mit einer verlängerten Ausnahmegenehmigung der ukrainischen ­Regierung bis zum 3. Juni in Füssen – inzwischen hat das Orchester eine Residenz in Gera gefunden. Mitte Mai hat Georg ­Rudiger mit dem italienischen Dirigenten Luigi ­Gaggero gesprochen: über die Wärme des Publikums, die ukrainische ­Nationalhymne und den richtigen Umgang mit russischer Musik.

Sie haben 2018 beim Kyiv Symphony Orchestra als Chefdirigent angefangen. Spielte da der Krieg im Donbass eine Rolle in Gesprächen? Hatte man Angst vor einer Eskalation?
Luigi Gaggero: Natürlich hat man über den Krieg gesprochen. Aber im Alltagsleben von Kyiv spürte man wenig davon. Ich persönlich war sehr enttäuscht, als Europa auf die Annexion der Krim durch Russland so schwach reagiert hat. In der modernen Geschichte hat es immer wieder Beispiele von Diktatoren gegeben, die einen ersten Schritt machen und auf eine Reaktion warten. Wenn keine kommt, dann folgt der nächste Schritt. Das haben wir auch bei Adolf Hitler gesehen mit dem Anschluss Österreichs 1938 und der Besetzung der Tschechoslowakei. Erst der Überfall auf Polen am 1. September 1939 führte zur Gegenwehr und zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wenn die Welt früher reagiert hätte, wäre die Ukraine sicherlich heute nicht in dieser Situation.

Haben Sie damals mit dem Orchester schon verstärkt ukrainische Musik gespielt, um die kulturelle Identität zu stärken – und russische Musik gemieden?
Nein, es gab keinen besonderen Schwerpunkt. Wir haben neben uk­rai­nischen Komponisten auch Musik von Peter Tschaikowsky oder Modest Mussorgsky gespielt – niemand vom Orchester hatte ein Prob­lem damit. Vor allem beschäftigten wir uns viel mit westeuropä­­i­­scher Musik, was auch so gewünscht war: Gabrieli, Bach, Haydn, Mo­zart, Beethoven, aber auch viel moderne und zeitgenössische Musik.

Spielen auch Russen im Orchester?
Nein, aber einige Orchestermitglieder haben russische Wurzeln. Es wird auch nach wie vor Russisch im Orchester gesprochen. Die Sprache war nie das Problem und ist es auch nicht. Auch russischsprechende Ukrainer identifizieren sich stark mit ihrer ukrainischen Heimat. Gestern hat mir eine befreundete ukrainische Pianistin etwas Unglaubliches erzählt. Ihre in Russland lebende Mutter habe zu ihr gesagt, sie solle sich entnazifizieren. Putins Propaganda ist also stärker als die Liebe der Mutter zu ihrer Tochter.

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