Rachmaninov, Sergei

Prince Rostislav/Symphony No. 1 in D minor op. 13

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Warner Classics 50999 4 09596 2 7
erschienen in: das Orchester 03/2014 , Seite 80

Der junge, inter­na­tion­al schon erfol­gre­iche Diri­gent Vasi­ly Petrenko, der seit seinem Amt­santritt beim Roy­al Liv­er­pool Phil­har­mon­ic Orches­tra 2006 das Niveau des Orch­esters deut­lich verbessert hat, schließt mit der ersten Sin­fonie sowie der frühen Sin­fonis­chen Dich­tung Prince Ros­tislav seinen Rach­mani­now-Zyk­lus ab. Neben den drei Sin­fonien bei Warn­er hat der Russe beim Label Avi zuvor schon die Totenin­sel, die Sin­fonis­chen Tänze und die Klavierkonz­erte Rach­mani­nows einge­spielt. Zudem hat Petrenko bei Nax­os einen mit viel Aufmerk­samkeit bedacht­en Zyk­lus aller Schostakow­itsch-Sin­fonien aufgenom­men.
Der voll­ständi­ge Mis­ser­folg der Urauf­führung der ersten Sin­fonie am 15. März 1897 – zeit­genös­sis­chen Bericht­en zufolge soll der Diri­gent Glasunow betrunk­en gewe­sen sein – stürzte den jun­gen, als Pianist schon sehr erfol­gre­ichen Rach­mani­now in eine tiefe Schaf­fen­skrise, von der er erst Jahre später durch den Neu­rolo­gen Niko­lai Dahl geheilt wurde. Erst 1945, also zwei Jahre nach­dem Tod des Kom­pon­is­ten, gab es in Moskau eine erfol­gre­iche Zweitauf­führung des Werks.
Im Gegen­satz zu Mikhail Plet­nev und seinem her­vor­ra­gen­den Rus­sis­chen Nation­alorch­ester auf der auch dank der sehr guten Klangtech­nik etwas detail­re­icheren Auf­nahme bei der Deutschen Gram­mophon geht
Petrenko bei dem Livemitschnitt mit dem Roy­al Liv­er­pool Phil­har­mon­ic Orches­tra einen mehr drama­tisch-zupack­enden Weg, der die emo­tionale Wucht der Kom­po­si­tion in den Vorder­grund stellt. Dies ist nicht ohne
Risiko bei einem Früh­w­erk wie der d‑Moll-Sin­fonie des 25-jähri­gen Rach­mani­now, aber die Ein­satzbere­itschaft der Liv­er­pool­er und die vorantreibende Energie ihres Chefdiri­gen­ten tra­gen Früchte. Das eher kom­pak­te Klang­bild der Warn­er-Ein­spielung passt dur­chaus zu den Inten­tio­nen des Diri­gen­ten, der die klanggesät­tigte Par­ti­tur und ihre dur­chaus plaka­tiv­en Momente mit vollem Risiko ausspielt. Die emo­tionale Dringlichkeit dieses Ansatzes überzeugt aber bei dieser Inter­pre­ta­tion, die über mehr als vierzig Minuten in der Lage ist, die Span­nung zu hal­ten, wobei die Stre­ich­er ins­ge­samt mehr als die gele­gentlich gefährdet klin­gen­den Blech­bläs­er überzeu­gen kön­nen. Die Holzbläs­er hinge­gen leg­en nicht nur im ein­fühlsam gestal­teten Larghet­to den Nach­weis ihrer Klasse ab, wobei der Diri­gent hier auch keine Scheu hat, die dun­klen Seit­en der Musik mit Nach­druck erklin­gen zu lassen. Petrenko lässt sich auf die Musik Rach­mani­nows mit ihrem dunkel grundierten Über­schwang, ihren Brüchen, sich­er auch for­malen Schwächen ein und zieht den Hör­er immer mehr in ihren Bann.
Sehr gut ste­ht der emphatis­che Zugriff des aus St. Peters­burg stam­menden Diri­gen­ten auch der kaum zu hören­den Sin­fonis­chen Dich­tung Prince Ros­tislav an. Im Stu­dio klingt das Spiel der Liv­er­pool­er etwas aus­ge­feil­ter, Petrenkos Dirigieren ist aber nicht weniger drama­tisch-zupack­end und emo­tion­al. Die Geschichte des toten Rit­ters auf dem Flussgrund, der von Nix­en umgar­nt wird, wird vom jun­gen Kom­pon­is­ten – das Werk ent­stand 1891 – mit viel Sinn für dun­kles Orch­esterkolorit und drama­tis­ch­er Wirk­samkeit gestal­tet.
Wal­ter Schneckenburger