Holliger, Heinz

Preludio e Fuga (a 4 voci)

für Kontrabass solo in "Wiener Stimmung"

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2012
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 71

Dieses Werk ist vielle­icht das schw­er­ste, das je für einen Solokon­tra­bass geschrieben wurde. Hol­ligers Devise lautet: „Meine ganze Beziehung zur Musik ist so, dass ich immer wieder pro­biere, an die Gren­ze zu kom­men.“ Diesen Satz hat er hier exem­plar­isch wahrgemacht, auch wenn er der Form nach die Tra­di­tion sucht. Dieses 2009/10 geschriebene Stück kom­ponierte er für den jun­gen Bassis­ten Edic­son Ruiz aus Venezuela, der seit zehn Jahren Mit­glied der Berlin­er Phil­har­moniker ist. Er war es auch, der das Werk am 16. März 2010 in der Berlin­er Phil­har­monie urauf­führte.
Heinz Hol­liger, der nicht nur für seine Oboe, son­dern eigentlich für alle Gat­tun­gen der Musik geschrieben hat, ange­fan­gen von Büh­nen­werken über Orch­ester­musik, Kam­mer­musik bis hin zu Liedern und Vokalw­erken, hat sich hier inten­siv mit den Spielmöglichkeit­en eines Kon­tra­bass­es beschäftigt. Er wählte für seine Kom­po­si­tion die im 18. Jahrhun­dert gängige „Wiener Stim­mung“, das heißt mit Terz­ab­stän­den bei den drei oberen Sait­en. Wenn man als Spiel­er dann noch dünne, leicht ansprechende Sait­en aufzieht, kann man ein Spiel erre­ichen, das nicht „bas­sal“ klingt, son­dern eher leicht und trans­par­ent. So ist auch die Scor­datu­ra möglich, das Spie­len schwieriger Akko­rde, das son­st auf dem eher sper­ri­gen Instru­ment nicht so leicht gelingt. Die Anzahl der möglichen Fla­geo­lett­töne ist bei dieser Stim­mung schein­bar unbe­gren­zt und sie liegen nahe beieinan­der: Dieses Werk lebt weit­ge­hend von ihnen. Im Pre­lu­dio ist die Stimme auf zwei Sys­te­men notiert und durch zahlre­iche Zeichen erweit­ert, die in ein­er aus­führlichen Spielan­weisung (in deutsch/englisch/ franzö­sisch) erläutert wer­den. Da gibt es flir­rende Glis­san­di nach oben und unten, Tremoli und Per­cus­sio­nen. Zum Schluss gilt es sog­ar, mit dem Bogen auf dem Sait­en­hal­ter zu spie­len.
Eine beson­dere Auf­gabe ist es, die vier­stim­mige Fuge allein zu bewälti­gen. Es gibt motivis­che Par­tikel, auf vier Sys­teme verteilt, die sich nach und nach zu Ele­menten ein­er Fuge zusam­men­find­en und zu einem Ganzen zusam­men­schmelzen. Nach der Fuge kommt noch ein vir­tu­os­es Presto strepi­toso als eine Art Coda. Das Studi­um dieser Par­ti­tur allein ist schon eine beson­dere Auf­gabe, das Spiel selb­st ist dann inten­sive Arbeit, die den ganzen Musik­er fordert, physisch und psy­chisch. Man hat soviel zu tun, dass man keine Zeit hat, auf die Noten zu schauen: Dieses Zehn-Minuten-Stück muss man auswendig ler­nen.
Der Ver­lag hat zwei Fas­sun­gen aufgelegt: Neben der Nota­tion in der vorgeschriebe­nen „Wiener Stim­mung“ ist eine zweite Ver­sion beige­fügt, bezo­gen auf die übliche Kon­tra­bass-Stim­mung (E‑A-D‑G), qua­si als Par­ti­tur in „Griff-Nota­tion“.
Auf YouTube find­et man inzwis­chen eine Auf­nahme von Edic­son Ruiz: Er zele­bri­ert das Werk regel­recht und zeigt ein Kon­tra­bass-Spiel, das sich mit dem Wort „vir­tu­os“ nicht annäh­ernd mehr beschreiben lässt. Diese exzel­lente Instru­menten­be­herrschung hat etwas Circensisch-Akro­batis­ches. Es ist zur Nachah­mung emp­fohlen – wahrschein­lich aber unerr­e­ich­bar.
Wolf­gang Teubner