Elisabeth Richter

Prag: Blühend, aber vergessen

Das Projekt „musica non grata“ in Prag widmete sein erstes Festival Alexander Zemlinsky zum 150. Geburtstag

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 54

Prag war ein Schmelztiegel in der inter­na­tionalen Opern­szene, und die drei Kul­turen, es war ja eine jüdis­che, deutsche und tschechis­che Kul­tur gemein­sam, die standen in ein­er sehr ­inter­es­san­ten und frucht­baren Beziehung.“ Per Boye Hansens Augen funkeln, wenn er über die kul­turell so blühende Zeit zwis­chen dem Ersten und Zweit­en Weltkrieg spricht. Der Nor­weger ist seit 2019 Direk­tor der Staat­sop­er Prag und des Tschechis­chen Nation­althe­aters. Bei­de bespie­len auch das Stän­dethe­ater aus dem 18. Jahrhun­dert, wo einst Mozarts Don Gio­van­ni uraufge­führt wurde. Hansen will diese in Tschechien ver­nach­läs­sigte Kul­tur wieder ins Bewusst­sein rück­en. Erst wurde sie von den Nation­al­sozial­is­ten zer­stört, dann in kom­mu­nis­tis­chen Zeit­en so gut wie ignoriert.
Als eine Maß­nahme auf dem Weg zur Reha­bil­i­ta­tion hat Per Boye Hansen gemein­sam mit dem Musikdi­rek­tor der Staat­sop­er Prag Karl-Heinz Stef­fens das Pro­jekt „musi­ca non gra­ta“ ins Leben gerufen. Anlass war 2020 der 75. Jahrestag des Endes des Zweit­en Weltkriegs. Der Fokus soll auf die damals „uner­wün­schte Musik“ gelenkt wer­den, auf Musik­erin­nen und Musik­er, die durch die Nation­al­sozial­is­ten zum Schweigen gebracht wur­den. Ihre Musik soll in dem zunächst auf vier Jahre angelegten Pro­jekt an den Prager Opern­häusern in zahlre­ichen Pro­gram­men erklin­gen. Die Mit­tel wer­den u. a. vom deutschen Außen­min­is­teri­um zur Ver­fü­gung gestellt. Im Jahr 2020 wurde der Start durch die Coro­na-Pan­demie aus­ge­bremst. Jet­zt kon­nte aus Anlass des 150. Geburt­stags von Alexan­der Zem­lin­sky ein erstes dre­itägiges Fes­ti­val stat­tfind­en. Zem­lin­sky war 16 Jahre lang musikalisch-inno­v­a­tiv­er Direk­tor des Neuen Deutschen The­aters Prag, der heuti­gen Staat­sop­er Prag. Urauf­führun­gen wie etwa Schön­bergs Erwartung fan­den unter sein­er Leitung dort statt. Beim Fes­ti­val „Zem­lin­sky 150“ kon­nte man sog­ar eine (konz­er­tante) Urauf­führung des Jubi­lars präsen­tieren: das Opern­frag­ment Mal­va von 1912 nach Max­im Gorki.

 

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