Al-Odeh, Simon

Politische Musik

op. 19 für Ensemble (9 Spieler), Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 70

“Kun­st ist Selb­stzweck und kann niemals – egal in welchem Gebrauch – einem anderen Zweck dienen”, heißt es im knap­pen Vor­wort des Kom­pon­is­ten. Ein “Para­dox­on” gar sei der Titel. Öffnet man nun, ein wenig irri­tiert, die Par­ti­tur, lächelt ein anderthalb­minütiges Werk für neun Musik­er (Sopransax­o­fon, Klarinette/Bassklarinette, Horn, Trompete, Bass­posaune, Klavier, Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo) mit ein­er etwas schnelleren (Vier­tel = 120) und ein­er ein wenig ruhigeren (Vier­tel = 100) Hälfte her­vor. Über­raschend wenig Töne, keine tech­nis­chen Her­aus­forderun­gen, anscheinend ein ein­fach­es Stück, das sich schnell selb­st erk­lärt. Schlim­mer noch: Keine ver­track­ten Ein­sätze, keine sper­ri­gen Rhyth­men oder har­monisch um die Ecke gedacht­en Mod­u­la­tio­nen, noch nicht ein­mal eine einzige mod­erne Spiel­tech­nik sind anzutr­e­f­fen. Ein biss­chen Ent­täuschung macht sich bre­it und verge­blich sucht man den Waschzettel, der so gern ganz vorne in den Noten prangt und krause Zeichen in orig­ineller Nota­tion erk­lärt.
Was liegt hier auf den Pul­ten? Eine kurze Zugaben­num­mer aus den Hän­den eines kom­pos­i­torischen Auto­di­dak­ten? Doch der 24-jährige Al-Odeh wird bere­its ver­legt und studiert mit­tler­weile Kom­po­si­tion.
Die Musik ist eingängig, ein biss­chen mod­ern im Sinne der ersten Hälfte des ver­gan­genen Jahrhun­derts, alles entwick­elt sich logisch aus dem Vorheri­gen. Pro­biert man am Klavier jedoch ein biss­chen aus, ver­spürt man trotz­dem Lust, es mit ein paar Musik­erkol­le­gen sofort auszupro­bieren. Vielle­icht weil es so ein­fach ist.
Al-Odeh set­zt die weni­gen Töne reizvoll, beschwört den dür­ren Schat­ten eines Marsches, der allerd­ings durch Trompete und Horn etwas Fes­tigkeit gewin­nt, und streut mit Sax­o­fon und Klar­inette ein biss­chen Wärme darüber. Das Klavier exerziert am Anfang kurz über chro­nisch unterbeschäftigten Stre­ich­ern, um nach der kurzen Über­leitung zum zweit­en Teil streck­en­weise ganz zu ver­schwinden. Im zweit­en Teil dür­fen die Stre­ich­er mit den bei­den Holzbläsern eine kleine, fast swingige Kan­ti­lene blasen, dann ist alles vor­bei. Ger­ade 34 Tak­te lang ist die Poli­tis­che Musik.
Warum der Kom­pon­ist poli­tis­che Musik als “Para­dox­on” sieht, warum er trotz­dem das auf­fal­l­end schlicht gehal­tene Werk so betitelt, ist eine Frage, die im Ensem­ble und unter den Zuhör­ern zu Diskus­sio­nen führen kann. Kann denn Musik über­haupt poli­tisch sein? Kann Musik zu poli­tis­chen Zweck­en instru­men­tal­isiert wer­den, sind Musik­er zwangsläu­fig unpoli­tisch? Wird nicht durch die Wahl des Titels und die Diskrepanz zum selb­st­sich­er dahin gewor­fe­nen Vor­wort eine poli­tis­che Diskus­sion erst angeregt? Oder sind Marschar­tiges und Tan­zar­tiges hier Per­si­fla­gen – oder schlim­mer noch, unbe­darft ori­en­tiert an älteren Vor­bildern, ohne große indi­vidu­elle Kun­stleis­tung?
Das kleine Stück, den Ohren ein sehr angenehmes Inter­mez­zo, bekommt plöt­zlich uner­wartete Brisanz.

Heike Eickhoff