Olivier Messiaen

Poèmes pour Mi/Chronochromie/La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ

Jenny Daviet (Sopran), Pierre-Laurent Aimard (Klavier), Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Kent Nagano

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: BR-Klassik
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 72

In seinem Buch 10 Lessons of my Life würdigte Kent Nagano in einem Kapi­tel Olivi­er Mes­si­aen, aber vor allem dessen zweite Frau Yvonne Lori­od. Der amerikanis­che Diri­gent bewun­derte das außeror­dentliche Kön­nen der Pianistin. Für ihn erwies sich die inten­sive Fre­und­schaft mit dem Ehep­aar als Glücks­fall. Seit der ihm durch den Kom­pon­is­ten ver­mit­tel­ten Proben­leitung zur Urauf­führung von Mes­si­aens Oper Saint François d’Assise in Paris (1983) gehört dessen Schaf­fen zu Naganos Schw­er­punk­ten. Als GMD brachte er Saint François d’Assise mit dem Bay­erischen Staat­sor­ch­ester her­aus, dieTuran­galîla-Sin­fonie dirigierte er zulet­zt in der neu eröffneten Isarphil­har­monie. Die von BR-Klas­sik zum 70. Geburt­stag Naganos vorgelegte Edi­tion bün­delt Auf­nah­men aus den Jahren 2017 bis 2019. Mit La Trans­fig­u­ra­tion de Notre Seigneur Jésus-Christ gastierte das Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks bei den Salzburg­er Festspielen.
Auf den CDs hört man, wie stark die durch die Rei­he Musi­ca Viva geforderte Flex­i­bil­ität des Klangkör­pers den Werken Mes­si­aens zugutekommt. Die wogen­den For­tis­si­mi in La Trans­fig­u­ra­tion ger­at­en imponierend. In der zwis­chen Orch­ester- und Kam­mer­wirkun­gen sprin­gen­den Chronochromie fasziniert der schwebend leichte Kon­trast zwis­chen der „Anti­stro­phe II – Un peu vif“ zu der nur mit Solotre­ich­ern beset­zten „Épôde“. Auf den CDs ver­mit­telt sich die Staffelung der Instru­mente pack­end, vor allem in den gedämpften Bläsern und den durch den Raum wan­dern­den Xylo­fon-Tönen. Chor­pas­sagen und die Viel­stim­migkeit des Orch­ester­satzes ger­at­en in starke Span­nung zueinan­der. Damit stärkt Nagano die Dramatik.
Naganos Vor­liebe für Mes­si­aen ist eigentlich ein erstaunlich­es Phänomen, denn seine klar organ­isierten und die von ihm trans­par­ent gehal­te­nen Abläufe sind Eigen­schaften, hin­ter denen man keine beson­ders starke Affinität zum spir­ituellen Lebens- und Kun­stver­ständ­nis Mes­si­aens ver­muten würde. Nagano selb­st spricht davon, dass seine Auseinan­der­set­zung mit Musik erst durch die kün­st­lerische Energie Mes­si­aens und Lori­ods einen rich­tungsweisenden Sinn erhal­ten habe. Die Frage, ob es sich bei diesen Par­ti­turen um eine rit­uelle oder med­i­ta­tive Musik han­delt, wird demzu­folge unwesentlich. Nagano gestal­tet die 100-minütige Trans­fig­u­ra­tion nach der Verk­lärung Jesu im Neuen Tes­ta­ment als uni­versell gültiges Werk, ver­mei­det mon­u­men­tale Ein­schüchterungs­gesten und mod­el­liert die vie­len kam­mer­musikalis­chen Pas­sagen zu episodis­chen Höhepunkten.
Beein­druck­end ist in den Poèmes pour Mi, die Mes­si­aen sein­er ersten Frau Claire Del­bos gewid­met hat­te, ein die Größe des Appa­rats vergessen machen­der intimer Orch­esterk­lang unter dem von Jen­ny Davi­et nuanciert wie cremig gesun­genen Gesangspart. Lei­der enthält das Book­let neben dem Mes­si­aen-Kapi­tel aus Naganos Buch kein­er­lei Infor­ma­tio­nen zu den Werken. Online find­et man diese in den Pro­grammheften zu den Konzerten.
Roland Dippel