Sven Scherz-Schade

Plötzlich neue Aufgaben

Wie sich Verantwortungen für das Ensemble überraschend verschieben können

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 06

Wer übernimmt welche Aufgaben, wenn Chefdirigenten oder Generalmusikdirektoren viel beschäftigt sind, wenn sie parallel mit anderen Orchestern arbeiten oder vor Vertragsende das Haus verlassen? Häufig bleibt dann die eine oder andere Pflicht an Kollegen „hängen“. Auf diese Weise erhalten Orchesterdirektoren oder -manager, Gastdirigenten oder Stimmführer mitunter neue Verantwortung, an der sie nicht zuletzt beruflich wachsen können. Das zumindest legen zwei Beispiele aus Erfurt und Pforzheim nahe.

Im Nor­mal­fall sind die Ver­ant­wor­tun­gen klar verteilt: Das Kün­st­lerische liegt beim GMD, das Organ­isatorische beim Orch­es­ter­di­rek­tor. Wie wohl bei den meis­ten Orch­estern war diese Aufteilung auch beim Phil­har­monis­chen Orch­ester Erfurt Usus. Doch derzeit ist die Posi­tion des Gen­eral­musikdi­rek­tors in Erfurt unbe­set­zt. Die Stelle wurde aus­geschrieben, es gab ein Bewer­berver­fahren, das jedoch ein­er der Bewer­ber, Diri­gent Adri­an Müller, als unfair emp­fand und vor Gericht brachte. Das laufende Auswahlver­fahren musste abge­brochen wer­den, da dem Erfurter Haus unter anderem eine fehlende Doku­men­ta­tion des Auswahl­prozess­es vorge­wor­fen wurde. Bis dato ist man deshalb ohne GMD, und Myron Michai­lidis’ Beschäf­ti­gung als Chefdiri­gent wurde bis 2022 ver­längert. Das hat nun zur Folge, dass so manche GMD-Auf­gabe auf andere Schul­tern verteilt wer­den muss – haupt­säch­lich auf die des Orch­es­ter­di­rek­tors, für den sich damit neue Ver­ant­wor­tun­gen ergeben haben.
„In der täglichen Arbeit haben sich einige Auf­gaben ver­schoben“, sagt Malte Wasem, seit Novem­ber 2019 Orch­es­ter­di­rek­tor am The­ater Erfurt. Eine neue Ver­ant­wortlichkeit ist beispiel­sweise die Begleitung von Orch­ester­musik­ern, die sich im Probe­jahr befind­en. Für die Anwärter gibt es jew­eils ein Auf­tak­t­ge­spräch und ein Hal­b­jahres­ge­spräch, in welchem Rück­mel­dun­gen aus­ge­tauscht wer­den. Diese Gespräche führt jet­zt der Orch­es­ter­di­rek­tor und nicht mehr der vor­mals dafür zuständi­ge GMD. Malte Wasem empfind­et diese Ver­schiebung dabei dur­chaus als kon­se­quent, denn so ist der Aus­tausch mit dem Orch­ester­vor­stand noch enger gewor­den. Zudem führt Malte Wasem jet­zt auch Dien­st­ge­spräche mit Orch­ester­musik­ern: „Es ist jet­zt noch stärk­er meine Auf­gabe, Dinge anzus­prechen und zu the­ma­tisieren“, sagt er. Weil man gegen­wär­tig ohne­hin ger­ade Dia­log und Kom­mu­nika­tion öffnet, passt die Ver­schiebung der Ver­ant­wor­tung ganz gut ins Konzept. So ver­schob sich zum Beispiel das For­mat der Stimm­führersitzung, wo – wenn nicht ger­ade Pan­demie ist – die Stimm­führer ein­mal pro Quar­tal zusam­menkom­men, um sich über musikalisch-kün­st­lerische Her­aus­forderun­gen zu ver­ständi­gen. Auf frei­williger Basis wurde auch das For­mat des Mitar­beit­erge­sprächs einge­führt, sodass sich auch dabei neue Ver­ant­wor­tun­gen für den Orch­es­ter­di­rek­tor auftun.
Über­raschend und recht schnell bekam am The­ater Pforzheim der seit der Spielzeit 2018/19 engagierte Erste Kapellmeis­ter Flo­rian Erdl neue Auf­gaben zugeteilt. Weil der amtierende GMD einem Ruf an ein anderes Orch­ester fol­gte und um die Auflö­sung seines Ver­trags gebeten hat­te, kam Erdl 2019/20 in die Posi­tion des kom­mis­sarischen GMD, worin er für sich eine Chance sieht: „Chance insofern, als ich zu diesem Zeit­punkt schon wusste, dass eine haus­in­terne Bewer­bung für mich nicht in Frage käme“, sagt Erdl: „Das hat­te ver­schiedene per­sön­liche und beru­fliche Gründe. Aber durch die kom­mis­sarische Leitung wollte und kon­nte ich Erfahrun­gen sam­meln, die mir wichtig schienen.“ Wie es sich anfühlt, GMD zu sein, kann man in der The­o­rie nicht erler­nen. Man übt es in der Prax­is ein. Im Gegen­satz zum Kapellmeis­ter hat der GMD mehr bürokratis­che Auf­gaben zu leis­ten und er muss im Team stärk­er präsent sein. Für Erdl bedeutet das in Pforzheim zum Beispiel, dass es regelmäßige Tre­f­fen mit anderen Kräften der Leitungsebene gab, das heißt nicht nur mit dem Inten­dan­ten, son­dern auch mit dem Betrieb­s­di­rek­tor, dem tech­nis­chen Direk­tor u.a. „Man ist bei der Find­ung neuer Orch­ester­mit­glieder oder bei der Beset­zung von Stellen wie etwa einem Solorepeti­tor stark involviert.“ Und anders als der Kapellmeis­ter führt ein GMD – auch ein kom­mis­sarisch­er – nach Bedarf Per­son­alge­spräche. Ihm obliegt der gesamte Bere­ich der Per­son­alver­ant­wor­tung. „Und ein sehr schön­er Auf­gaben­bere­ich kommt hinzu: die Spielzeit­pla­nung“, so Erdl.

 

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