Florentine Mulsant, Lowell Liebermann, Joachim Andersen und andere

Piccolo Concertos

Jean-Louis Beaumadier (Piccolo), Prague Symphony Orchestra, Ltg. Vahan Mardirossian

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Skarbo
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 74

Die Pic­coloflöte gilt als eines der lautesten nicht-elek­tro­n­is­chen Musikin­stru­mente über­haupt, und wer sich an sein „erstes Mal“ auf dem zier­lichen Instru­ment zurück­erin­nert, wird sich­er auch das Erschreck­en über die fürchter­lich laut­en und wohl eher sel­ten gle­ich schö­nen, son­dern vielmehr unschön schrillen Töne nicht vergessen haben. In der Orch­ester­lit­er­atur denken wir an die glanzvollen Par­al­lelführun­gen, die den Stre­ich­ern die funkel­nden Dia­mantim­pulse auf den war­men Klang set­zen, denken an vir­tu­os­es Flir­ren gle­ich den Schwin­gen nervös­er Kolib­ris, aber im ersten Moment denken wir sich­er nicht an facetten­re­ich­es Far­ben­funkeln.
Eines Besseren belehrt wird die Musik­lieb­haberin durch die schein­bar unendlichen Nuancierungsmöglichkeit­en, die der renom­mierte Ram­pal-Schüler Jean-Louis Beau­madier seinem Instru­ment zu ent­lock­en weiß: Ger­ade im 20. Jahrhun­dert und durch Kom­pon­is­ten unser­er Tage erhält die Pic­coloflöte glanzvolle Konz­er­tauftritte, die faszinieren und auch noch den let­zten Rest von ehe­ma­liger Mil­itärpfeife­nas­sozi­a­tion vergessen lassen.
Auf der vor­liegen­den CD hat Beau­madier auss­chließlich Orig­i­nalkonz­erte für Pic­co­lo und Orch­ester einge­spielt, die aus­nahm­s­los faszinierend und von berück­ender Expres­siv­ität sind. Wir dür­fen die hoch­po­et­is­che Klangkun­st von Flo­ren­tine Mul­sant ken­nen­ler­nen, die ihr Konz­ert für Pic­co­lo 2017 Beau­madier wid­mete; Low­ell Lieber­manns melo­drama­tis­chen und hochvir­tu­osen Zugang im Dia­log Solo-Orch­ester; Carl Joachim Ander­sens vir­tu­os­es Feuer­w­erk. Als liebenswert-per­sön­lich­es Klang­wun­der­w­erk ist das Kilumac-Con­certi­no op. 36 von Véronique Poltz Beau­madier gewid­met eben­so wie Régis Cam­pos Touch the sky (2019), dessen visionäre Grund­lage die
Inspi­ra­tion des Blicks aus einem Flugzeug ist. Die daraus resul­tierende poet­is­che Inspi­ra­tion wan­delt Beau­madier in berück­ende Klang­mo­mente um, die ungeah­nte Facetten seines Instru­ments zeigen. Jean-Michel Damases let­ztes vol­len­detes Werk wurde eben­falls Beau­madier gewid­met – auch hier erleben wir die denkbar faszinierend­ste kom­pos­i­torische Aus­lo­tung spiel­tech­nis­ch­er Möglichkeit­en des Pic­co­los.
Diese CD ist eine spiel- und kom­po­si­tion­stech­nis­che „State of the Art“-Aufnahme, die einen Ref­eren­zpunkt in der Pic­colokonzertlit­er­atur bilden wird und zugle­ich in über­aus beglück­ender Form den Hor­i­zont für zeit­genös­sis­che Konzertlit­er­atur eines bemerkenswert wand­lungs­fähi­gen Instru­ments erweit­ert. Das Prager Radiosym­phonieorch­ester unter der Leitung von Vahan Mardiross­ian ist Jean-Louis Beau­madier ein kon­ge­nialer Spiel­part­ner in dieser exem­plar­isch faszinieren­den Ein­spielung.
Christi­na Humen­berg­er