Piazzolla / Vivaldi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Classic Concert records CCR 62056
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 73

Die Zusammenstellung Vivaldi/Piazzolla ist seit Gidon Kremers CD Eight Seasons beliebt geworden, wenn auch bei der Kremerata Baltica ein innerer Zusammenhalt über zweierlei „Jahreszeiten“-Zyklen bestand. Auf der vorliegenden CD ist dies nicht der Fall, selbst wenn das Beiheft Gemeinsamkeiten beider Komponisten und ihrer Musik zu beschreiben sucht. Aber das hat die Neuveröffentlichung gar nicht nötig, denn sie überzeugt durch ihre Interpretationen, zudem eher durch den Kontrast denn durch die Einheit von Vivaldi und Piazzolla. Vier Tangos des argen­tinischen Komponisten werden von je zwei Blockflöten-Konzerten des Venezianers umrahmt.
Maria Loos, am Salzburger Mozarteum und an der Hochschule in Leipzig ausgebildete Blockflötistin, beweist dabei zweierlei: stupende Virtuosität und stilsicheres Musizieren bei alter wie neuer Musik. Läufe und Verzierungen perlen bei Vivaldi wie sprudelndes Quellwasser mit staunenswerter Präzision und geschärfter Artikulation aus Sopranino, Alt- und Tenorflöte. Geistreiche Agogik und witzige Verzierungen sorgen für abwechslungsreiche Barockmusik, die Strawinskys Verdikt, dass Vivaldi ein Konzert 600 Mal komponiert habe, vergessen lässt. Mit vielen Farben malt sie die Stimmungen in La Notte aus, mit Witz das launige Gezirpe des Distelfinks in Il Giardellino, Vivaldis Notentext teils nur als Anregung für einfallsreiche Improvisation nutzend – so wird aus barocken Partituren lebendige Musik. Akzentuiert und quicklebendig begleitet das 2004 gegründete Ensemble Prisma unter der Leitung des Violinisten Thomas Fheodoroff, eine ideale Ergänzung zum Spiel der Blockflötistin.
Die Qualitäten der klein besetzten Kammermusikgruppe kommen noch deutlicher in den Tangos von Astor Piazzolla zur Geltung. Da wird nuancen- und kontrastreich, mit schroffen wie einschmeichelnden Klängen musiziert, werden fetzige Geräusch- und Rhythmuseffekte stimmungsvoll gemischt. Und Maria Loos geht an die vom Argentinier José Carli superb arrangierten Tangos mit Spiellust und -laune, mit überraschenden Klangwirkungen und Effekten auf der Blockflöte heran.
Die CD erhielt vom Österreichischen Rundfunk den „Pasticcio-Preis“ – eine Auszeichnung, die die Produktion des Labels Classic Concert records zu Recht erhielt: Vivaldi und Piazzolla (in ungewöhnlicher Besetzung) geraten zu einem wirklichen Hörgenuss.
Wolfgang Birtel