Saint-Saëns, Camille

Piano Quintet / String Quartet No. 1

Andrea Luccesini (Klavier), Quartetto di Cremona

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite 97.728
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 71

Aus dem reichen Schaf­fen von Camille Saint-Saëns sind nur einige Werke wie der vom Kom­pon­is­ten nicht son­der­lich geschätzte Karneval der Tiere, die Orgelsin­fonie, das 3. Vio­linkonz­ert, das 1. Cel­lokonz­ert oder das zweite sein­er fünf Klavierkonz­erte im Konz­ertreper­toire fest ver­ankert. Seine Kam­mer­musik, die einen beachtlichen Teil seines Œuvres aus­macht und von Saint-Saëns hoch eingeschätzt wurde, taucht höchst sel­ten auf den Konz­ert­pro­gram­men auf.
Das Quar­tet­to di Cre­mona und der großar­tige Pianist Andrea Lucce­sini stellen ein Werk des noch jugendlichen Kom­pon­is­ten, das Klavierquin­tett, dem reifen Stre­ichquar­tett op. 112 gegenüber. Wobei schon das frühe Werk, 1855 vom 20-jäh­ri­gen Saint-Saëns kom­poniert, von dessen großem Tal­ent zeugt und zudem über dessen schon zu dieser Zeit aus­geprägte kom­po­si­tion­stech­nis­chen Ken­nt­nisse Auskun­ft gibt. Die klan­glich sehr überzeu­gende Auf­nahme präsen­tiert den drit­ten Satz mit der vom Kom­pon­is­ten ad libi­tum kom­ponierten Kon­tra­bassstimme (von Andrea Lumachi gespielt), wozu der anson­sten infor­ma­tive Book­let­text lei­der keine Angaben macht. Dem höchst vir­tu­osen Klavier­part – Saint-Saëns war bis ins hohe Alter ein gefeiert­er Pianist – wer­den die Stre­ich­er gegenübergestellt, wobei trotz der etwas dom­i­nan­ten Rolle des Klaviers, das schon konz­er­tante Züge trägt, das Quar­tett mehr als nur beglei­t­ende Funk­tion hat. For­mal hat sich der junge Saint-Saëns von Schu­bert, Schu­mann und Mendelssohn Bartholdy inspiri­eren lassen, ohne die eigene Hand­schrift zu unter­drück­en.
Andrea Luc­cesi­ni kostet den eben­so anspruchsvollen wie wirkungsvollen Klavier­part mit Feuer aus, ohne dabei die Kom­mu­nika­tion mit dem span­nungsre­ich musizieren­den Quar­tet­to di Cre­mona (Cris­tiano Gual­co, Pao­lo Andreoli, Simone Gra­maglia und Gio­van­ni Scaglione) zu ver­nach­läs­si­gen. Die Stre­ich­er bilden mit ihrem far­ben­re­ich-auf­blühen­den Spiel ein nahezu ide­ales Gegengewicht zur vir­tu­osen Wucht des Pianis­ten.
Das e-Moll-Stre­ichquar­tett, das erste Quar­tett des Kom­pon­is­ten, ist das erste sein­er Kam­mer­musik­w­erke ohne Klavier und ent­stand 1899 auf Wun­sch des großen Geigers und bedeu­ten­den Kom­pon­is­ten Eugène Ysaÿe. Es ist trotz beachtlich­er Ansprüche an die Stre­ich­er nie vorder­gründig vir­tu­os. Schon die har­monisch schweifend­en Tak­te der Ein­leitung lassen aufhorchen. Das Quar­tet­to di Cre­mona geht das unter­schätzte und kon­trastre­iche Werk mit voller Tonge­bung und feinen Nuan­cen an. Dabei find­en die Stre­ich­er zu ein­er immer mehr die Kon­turen schär­fend­en Sicht auf das vier­sätzige e-Moll-Quar­tett. Die Vehe­menz und der Nach­druck, mit dem das Quar­tett um den Pri­mar­ius Cris­tiano Gual­co agiert, ist beachtlich. Erfreulich, dass trotz des kraftvollen Spiels Trans­parenz und die klan­gliche Geschmei­digkeit nicht auf der Strecke bleiben. Nach dem aus­laden­den Kopf­satz find­en die Musik­er bei den Mit­tel­sätzen zu ein­er zwis­chen Ges­pan­ntheit und ansprechen­der Verin­ner­lichung chang­ieren­den Hal­tung. Ein mehr als lohnen­der Ein­satz für zwei Werke, die man gerne häu­figer im Konz­ert­saal hören würde.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er