Johannes Brahms/ Friedrich Gernsheim

Piano Quartets

Mariani Klavierquartett: Philipp Bohnen (Violine), Barbara Buntrock (Viola), Peter-Philipp Staemmler (Violoncello), Gerhard Vielhaber (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audax Records ADX 13780
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 81

Zu Brahms’ g‑Moll-Quar­tett muss man eigentlich gar nichts mehr sagen. Für ein kam­mer­musikalis­ches Werk ist es ger­adezu unfass­bar pop­ulär. Wobei man natür­lich darüber nachsin­nen kann, ob es diese Pop­u­lar­ität sich selb­st oder sein­er kon­ge­nialen Orch­ester-Erweiterung durch Arnold Schön­berg ver­dankt, die ihm die schme­ichel­hafte Charak­ter­isierung als „Brahms’ Fün­fte“ einge­bracht hat.
Beschränken wir uns also im Wesentlichen auf Friedrich Gern­sheim, diesen ger­adezu grauen­haft vergesse­nen Fre­und von Johannes Brahms, der diesem in der Qual­ität sein­er Werke kaum nach­ste­ht. Wie Brahms hat Gern­sheim vier große Sin­fonien geschrieben, von denen die eine so hörenswert ist wie die andere. Was auch für Gern­sheims Kam­mer­musik-Schaf­fen gilt. Man kommt um die Frage kaum herum, ob das all­ge­meine Vergessen dieses jüdis­chen Kom­pon­is­ten immer noch vom allzu lan­gen Arm der Nazi-Dik­tatur bewirkt wird.
Man muss allen Musik­ern dankbar sein, die Gern­sheims Musik wieder zum Leben erweck­en. Auch und beson­ders dem Mar­i­ani Klavierquar­tett, das bei dieser CD freilich Wert darauf legt, „die Musik von Gern­sheim nicht zu pauschal mit der Musik von Johannes Brahms zu ver­gle­ichen oder gar zu ver­mis­chen“. Aber warum eigentlich nicht? Der Ver­gle­ich bei­der Werke lohnt (wie auch bei den Sin­fonien) in über­raschen­der Weise. Zwar sind die Anzahl der Sätze (4:3) sowie die Satzbeze­ich­nun­gen leicht unter­schieden, aber zumin­d­est bei dem bei­de Werke abschließen­den Ron­do spürt man, wie sehr Gern­sheim und Brahms Brüder im Geiste gewe­sen sind – was auch im San­glichen der hier vorgestell­ten Werke zum Aus­druck kommt, worin sowohl Brahms als auch Gern­sheim wahre Meis­ter­schaft bewiesen haben.
Im Bei­heft gedenkt das Quar­tett, das jet­zt seit 23 Jahren äußerst erfol­gre­ich zusam­men ist, ger­adezu liebevoll seines „mit­tler­weile guten Fre­un­des Johannes Brahms“, aber der Hör­er darf eben­so sich­er sein, dass inzwis­chen auch Friedrich Gern­sheim her­zlichst in diese Fre­und­schaft ein­be­zo­gen ist. Anders wäre es gar nicht möglich, die Werke mit ein­er solchen Authen­tiz­ität, mit einem solchen Feinsinn, mit ein­er solchen Inten­sität, mit ein­er solchen, ja, Ver­liebtheit zu Gehör zu bringen.
Da sind ein paar Archäolo­gen am Werk, die vor­sichtig mit dem aller­fe­in­sten Pin­sel eine vielle­icht allzu postro­man­tis­che Staub­schicht abtra­gen, um zwei blitzblanke Wun­der­w­erke sicht‑, in diesem Falle hör­bar zu machen. Ich muss geste­hen: Auch das Brahms-Quar­tett habe ich noch nie kom­pe­ten­ter ver­nom­men – eine Referenzaufnahme!
Diese wun­der­bare CD ist – wie auch nicht? – coro­n­abe­d­ingt mit ein­jähriger Ver­spä­tung erschienen. Nun wollen die „Mar­i­a­n­is“ weit­ere Brahm­s/Gern­sheim-Klavierquar­tette fol­gen lassen. Eine sehr gute Nachricht in unguten Zeiten!
Friede­mann Kluge