Anton Urspruch

Piano Concerto op. 9/ Symphony op. 14

Oliver Triendl (Klavier), Nordwestdeutsche Philharmonie, Ltg. Georg Fritzsch/Marcus Bosch, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 555 194-2
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 72

Der Komponist und Pianist Anton Urspruch (1850-1907) dürfte nur wenigen Kennern bekannt sein. Der in Frankfurt am Main geborene Liszt-Schüler gehört zu den heute vergessenen Romantikern der so wichtigen Generation zwischen Johannes Brahms und Richard Strauss. Nach seinem 100. Todestag entstanden einige CDs, die ihn erstmals wieder in den Fokus rückten. So spielte Ana-Marija Markovina für Hänssler das gesamte Solo-Klavierwerk ein und bei Naxos erschien 2012 die Ersteinspielung seiner komischen Oper Das Unmöglichste von Allem (1897) unter dem israelischen Dirigenten Israel Yinon.
Im Zuge der Gründung einer Anton-Urspruch-Gesellschaft 2009 durch Enkelin Veronica Kirchner wurden verschiedene Projekte angeregt, wie auch die vorliegenden Ersteinspielungen von Urspruchs einzigem Klavierkonzert und seiner einzigen Sinfonie. Die vom WDR mitgeschnittenen Aufnahmen entstanden bereits 2006 und 2009 mit der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford und wurden bei cpo auf einer Doppel-CD veröffentlicht.
Jedes Werk wurde von einem anderen Dirigenten betreut: das Klavierkonzert vom Kieler GMD Georg Fritzsch, die Sinfonie vom damaligen Nürnberger GMD Marcus Bosch. Mit dem Pianisten Oliver Triendl fand man einen Solisten, der den anspruchsvollen Klavierpart im Konzert mit aller Umsicht und Bravour meistert. Gerade dieses Werk ist auch kompositorisch interessant, da es anfangs fast wie eine Schumann-Sinfonie klingt, die sich dann zu einem Klavierkonzert weitet. Gemessen an den innovativen Klavierkonzerten seines Mentors Franz Liszt wirkte das schon zur Entstehungszeit 1878 ein wenig konservativ. Doch befindet sich die Musik ganz auf der Höhe und dem Geschmack der Zeit. Sie strebt eine Fusion von Sinfonie und Konzert an, wie sie zeitgleich auch Brahms in seinem zweiten Klavierkonzert realisierte. Mit einer Spielzeit von über 40 Minuten ist Urspruchs Werk entsprechend ausgedehnt.
Urspruchs abwechslungsreicher und das thematische Material reich variierender Stil gefällt. Das Klavier wird oft filigran glitzernd und selten donnernd eingesetzt. Das Orchester ist schön eingebunden. Die Interpretation wird vom umsichtigen Fritzsch gut koordiniert, der die Qualitäten der Nordwestdeutschen Philharmonie sorgfältig betont.
Ebenso Freude macht die 50-minütige Sinfonie, die Urspruch nur wenige Jahre nach seinem Klavierkonzert in selber Tonart (Es-Dur) konzipierte. Neben Brahms mag eine Nähe zu den zahlreichen Sinfonien seines zweiten wichtigen Lehrers Joachim Raff auf der Hand liegen. Andererseits ist es ein Werk mit eigener Handschrift. Instrumentation, Erfindungsreichtum und Ausarbeitung sind bemerkenswert.
Bosch leitet die Nordwestdeutsche Philharmonie nun etwas schroffer an den lauten Stellen, entlockt dem Kopfsatz daher eine große Dramatik. Im wiegenden Adagio setzt er aber auch auf sonore Klangwirkungen, im Scherzo auf Humor und im Finale auf Stringenz. Ein starkes Plädoyer für den vergessenen Romantiker!
Matthias Corvin