Dmitri Schostakowitsch/ Wolfgang Amadeus Mozart

Piano Concerto op. 35/ Piano Concerto KV 453

Evgeni Bozhanov (Klavier), Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Radoslaw Szulc

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/ Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 70

Ivo Pogore­lich war ein­er jen­er Pianis­ten, die den Warschauer Chopin-Wet­tbe­werb nicht gewan­nen, aber eben dadurch berühmt wur­den. Ähn­lich­es ereignete sich dreißig Jahre später im Okto­ber 2010: Obwohl er vom Pub­likum favorisiert wurde, erhielt der 1984 geborene bul­gar­ische Pianist Evgeni Bozhanov nicht den ersten Preis des Wet­tbe­werbs zuge­sprochen. Die fol­gen­den kon­tro­ver­sen Diskus­sio­nen über diese skan­dalumwit­terte Entschei­dung gaben sein­er Kar­riere aber erst recht Aufwind. Es fol­gten Ein­ladun­gen zu Konz­erten und Tourneen durch Europa und Asien zusam­men mit renom­mierten Orch­estern und Diri­gen­ten.
Auf der vor­liegen­den CD-Neu­veröf­fentlichung präsen­tiert sich Bozhanov zusam­men mit dem Kam­merorch­ester des Sym­phonieorch­esters des Bay­erischen Rund­funks unter Leitung von Radoslaw Szulc als Solist in zwei kon­trären Kom­po­si­tio­nen: zum einen in Mozarts einen Gipfelpunkt des klas­sis­chen Klavierkonz­erts bilden­den G-Dur-Werk KV 453, zum anderen in Schostakow­itschs iro­nisch-frechem, neok­las­sizis­tisch ange­haucht­en op. 35.
Dass Mozarts G-Dur-Konz­ert in dieser Auf­nahme aus dem Münch­n­er Prinzre­gen­tenthe­ater weit mehr ist als gut abge­hangener Kul­turbe­sitz, son­dern springlebendig wirkt, dafür sorgt schon das mit dem Solis­ten dial­o­gisierende Kam­merorch­ester, das Mozarts Musik einen Ton schweben­der Gra­zie ver­lei­ht, der über alle Moll-Ver­schat­tun­gen und drama­tis­chen Ein­sprengsel als Grund­charak­ter vorherrscht. Nicht weniger frisch gestal­tet Bozhanov seinen Part: mit einem dynamisch per­fekt aus­bal­ancierten Non-Lega­to-Spiel und viel Sinn für die dra­matur­gis­chen Umschwünge in Mozarts oft the­a­ter­na­her Musik. Freizügig geht er mit dem Noten­text um. Er bere­ichert das Andante mit aller­hand Verzierun­gen und Kolo­rierun­gen und ist auch bei den Orch­ester­ex­po­si­tio­nen und manchen Tut­ti-Abschnit­ten präsent: nicht nur die Har­monien ver­stärk­end im Sinne der alten Gen­er­al­bassprax­is, son­dern mit manch­er die Orch­ester­stim­men kon­tra­punk­tieren­der Ergänzung.
Schostakow­itschs erstes Klavierkonz­ert in c-Moll op. 35 aus dem Jahr 1933 zeigt seinen Kom­pon­is­ten im Sta­di­um unbe­fan­genen, angst­freien jugendlichen Exper­i­men­tierens – noch hat­ten die stal­in­is­tis­chen Säu­berun­gen nicht einge­set­zt und noch herrschte nicht das Stil-Dik­tat des „sozial­is­tis­chen Real­is­mus“. Was in der Kom­po­si­tion bere­its angelegt ist, treibt die Inter­pre­ta­tion auf die Spitze. C-Moll-Pathos wird bedeu­tungss­chwanger in Szene geset­zt, um gle­ich darauf ger­adezu in eine Zirkus­musik umzukip­pen, Tas­ten­löwen-Gedonner und über­triebenes Ruba­to-Spiel wer­den auf die Schippe genom­men und per­si­fliert. Dass das Ganze so hüb­sch iro­nisch daherkommt, ist aber auch Ver­di­enst des zweit­en Solis­ten in diesem Konz­ert, des Trompeters Hannes Läu­bin, dessen Spiel wun­der­bar zwis­chen Fan­farengeschmetter und schmalzig-schmach­t­en­der Melodik chang­iert.
Ger­hard Dietel