Viktor Ullmann

Piano Concerto op. 25/Piano Sonatas No. 3 & 7

Annika Treutler (Klavier), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Stephan Frucht

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 71

Ein Scher­zo, im Aus­druck der Tra­di­tion fol­gend, in der Ton­sprache mod­ern: das „Alle­gret­to grazioso“ aus der 7. Klavier­son­ate von Vik­tor Ull­mann. Einem springlebendi­gen A-Teil, listig und schalkhaft im Charak­ter, fol­gt ein B-Teil, in dem die muntere Laune einem gelasse­nen Schwung weicht. Und die zuerst raue, mit Dis­so­nanzen gewürzte Har­monik macht ein­er üppi­gen, spätro­man­tis­chen Klang­sprache Platz. Die passende Umge­bung, um ein Motiv aus Richard Heuberg­ers 1898 geschrieben­er Operette Ein Opern­ball zu zitieren. Ull­mann leis­tet sich einen Blick zurück – nicht den einzi­gen in dieser Sonate (die let­ztlich wohl als Sin­fonie geplant war). Im Schlusssatz, den „Vari­a­tio­nen und Fuge über ein hebräis­ches Volk­slied“, ruft er neben dem Mate­r­i­al des Volk­slieds noch den protes­tantis­chen Choral Nun dan­ket alle Gott, den Hus­si­ten­choral Die ihr Gottes Stre­it­er seid und schließlich noch das „B-A-C-H“-Motiv her­bei. Vielle­icht eine Art Ver­mächt­nis. Denn Ull­mann schrieb seine 7. Sonate 1944 im Konzen­tra­tionslager There­sien­stadt, dem von den Nation­al­sozial­is­ten für Pro­pa­gan­dazwecke ein­richteten Vorzeige­lager, in dem sich jüdis­ches Leben ange­blich frei ent­fal­ten kon­nte. Ull­mann wurde hier sog­ar Leit­er des „Stu­dios für Neue Musik“. Er hat offen­bar bis zulet­zt nicht den Glauben an das Gute im Men­schen und an die lebens­be­ja­hende Kraft der Kul­tur ver­loren. 1942 wurde er nach There­sien­stadt deportiert, zwei Jahre später, im Okto­ber 1944, zusam­men mit seinen Kom­pon­is­tenkol­le­gen Pavel Haas und Hans Krása nach Auschwitz ver­legt, wo er kurz darauf ermordet wurde. Die CD enthält von Ull­mann die zwei Klavier­son­at­en Nr. 3 und Nr. 7 und das Klavierkonz­ert op. 25. Die frühere Sonate (1939) und das Konz­ert (1940) fall­en in eine Phase, in der sich Ull­manns Leben verdüsterte. Als die Nazis 1939 Prag beset­zten, durfte der Kom­pon­ist, der auch als Diri­gent und Musikjour­nal­ist arbeit­ete, nicht mehr öffentlich in Erschei­n­ung treten. Von diesen widri­gen Umstän­den ist wed­er in den Klavier­son­at­en noch im Klavierkonz­ert etwas zu vernehmen. Stattdessen hört man Vital­ität, Spiel­freude, Witz, aber auch elegis­che Wen­dun­gen, die aber nie in schwarzen Pes­simis­mus kip­pen. Der Kopf­satz des Konz­erts etwa betört durch Elan und rhyth­mis­che Präg­nanz, das „Andante tran­quil­lo“ durch schwärmerische, glutvolle, manch­mal aber auch entrück­te Töne und eine wun­der­bare Farb­palette. Orig­inell und über­aus geistre­ich schließlich die Vari­a­tio­nen über das ganz frühe Alle­gro in B-Dur KV3 von Mozart als Schlusssatz der drit­ten Sonate. Die CD ent­stand in Koop­er­a­tion zwis­chen Siemens Arts Pro­gram und Deutsch­land­funk Kul­tur anlässlich des 75. Gedenk­tags der Befreiung des KZ Auschwitz. Die glänzende Pianistin Anni­ka Treut­ler und das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin unter Leitung von Stephan Frucht rück­en den Facetten­re­ich­tum von Ull­manns Musik in bestes Licht, auch dank ein­er vortr­e­f­flichen Auf­nah­me­tech­nik (3D-Immer­sive Audio). Mit­geliefert wird das Ganze zudem als Blu-Ray-Disc. Ins­ge­samt ein überzeu­gen­des Plä­doy­er für einen immer noch zu wenig gespiel­ten Kom­pon­is­ten.
Math­ias Nofze