Georgy, Catoire / Percy Sherwood

Piano Concerto op. 21 / Piano Concerto no. 2 in E flat major

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dutton Epoch CDLX 7287
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 72

Die CD ist ein­gelegt, eine bis dato unbekan­nte Musik zweier wieder­ent­deck­ter Kom­pon­is­ten erklingt, und sofort stellen sich Querverbindun­gen, Assozi­a­tio­nen zu wohlver­traut­en Kom­pon­is­ten ein. Ach ja, unser Ohr hat seit der Erfind­ung der Schallplat­te seine Unschuld ver­loren; durch ständi­ges Wieder­holen sind zahllose, unter­schiedlich­ste Klang­wel­ten in unser Gedächt­nis einge­bran­nt, die ein unvor­ein­genommenes Hören nicht nur ver­hin­dern, son­dern neg­a­tiv bee­in­flussen kön­nen: „Ha, ein Epigone!“
So auch hier, beim ersten Anhören der bei­den Klavierkonz­erte von Geor­gy Catoire (1861–1926) und Per­cy Sher­wood (1866–1939), der eine ein Russe mit franzö­sis­chen, der andere ein Deutsch­er mit englis­chen Wurzeln. Bei­de vere­int das Schick­sal vergessen­er Kom­pon­is­ten. Und bei­de Werke beweisen, wie schädlich und ver­fälschend dieser Assozi­a­tion­sautoma­tismus sein kann. Gewiss, bei manchen Pas­sagen in Catoires ful­mi­nan­ten Klavierkonz­ert-Vari­a­tio­nen (1909) fühlt man sich an Tschaikowskys stür­mis­chen Schwung und Melan­cholie erin­nert, an Liszts rauschhaftes Glitzern und sog­ar an Straussens Till-Eulen­spiegel-Über­mut. In Sher­woods zweit­em, ganz klas­sisch aufge­bautem, zuweilen etwas plaka­tivem Klavierkonz­ert (1933) fällt einem spon­tan Beethovens fün­ftes ein, wenn die kurze, hym­nis­che Orch­esterein­leitung gle­ich­sam den Vorhang öffnet für das grandios sich auf­schwin­gende Klavier.
Doch je öfter man die bei­den Werke hört, desto per­sön­lich­er in ihrer Ton­sprache, desto fes­sel­nder in ihrer Gestal­tung, Fan­tasie und Aus­drucksvielfalt wer­den sie. Kein Wun­der, dass Tschaikowsky dem jun­gen Catoire ein „gewaltiges kreatives Tal­ent“ bescheinigte. Es nutzte ihm wenig: Gegen die All­macht Rach­mani­noffs hat­te er keine Chance. Sher­wood wiederum erlangte vor dem Ersten Weltkrieg in Deutsch­land eini­gen Ruhm, bevor er 1914 nach Lon­don emi­gri­erte, dort so erfol­g­los wie tapfer weit­erkom­ponierte und unbeachtet starb.
Es ist dem Engage­ment des japanis­chen Pianis­ten Hiroa­ki Take­nouchi zu ver­danken, dass zwei zu Unrecht ignori­erte Kom­pon­is­ten nun reha­bil­i­tiert wer­den. Zusam­men mit dem her­vor­ra­gen­den Roy­al Scot­tish Nation­al Orches­tra und seinem Diri­gen­ten Mar­tin Yates gelingt ihm eine mitreißende Ein­spielung der Klavierkonz­erte: ein beein­druck­endes Zeug­nis seines Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­seins den Werken gegenüber, sein­er Imag­i­na­tion­skraft und sein­er Fähigkeit, zu gestal­ten und Zusam­men­hänge hör­bar zu machen. Zweifel­los: Anders als manche Aus­grabun­gen sind diese Werke eine erfreuliche Bere­icherung des neok­las­sizis­tis­chen – oder doch eher spätro­man­tis­chen? – Klavier­reper­toires.
Susanne Rudolph