Sergei Rachmaninoff

Piano Concerto No. 2 Arno Babadjanian / Heroic Ballad

Jean-Paul Gasparian (Klavier), ­Berner Symphonieorchester, Ltg. Stefan Blunier

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Claves
erschienen in: das Orchester 10/22 , Seite 66

Der 1995 in Paris geborene Pianist Jean-Paul Gasparian war Schüler u. a. von Jacques Rouvier und Michel Béroff. 2019 gewann er den „Prix Thierry Scherz“ im schweizerischen Gstaad; die vorliegende CD entstand im Gefolge dieser Auszeichnung. Der junge Pianist hat dafür neben einem „sicheren“ Repertoirestück von Sergej Rachmaninow – von dem allerdings bereits Hunderte von Aufnahmen existieren – eine Repertoireseltenheit gewählt, Arno Babadjanians Heroische Ballade aus dem Jahre 1950, ein einsätziges, gut 20-minütiges Konzertstück in freier Fantasieform. Das in seiner melodischen Erfindung hörbar kaukasisch – präziser: armenisch – gefärbte Werk bedeutet für Gasparian, Sohn eines armenischen Vaters, eine Rückbesinnung auf seine eigene Herkunft.
Dem oft gespielten c-Moll-Konzert Rachmaninows aus dem Jahre 1901 heute noch neue Aspekte abzugewinnen, erscheint gegenüber den nicht wenigen maßgeblichen Aufnahmen à la Richter, Bolet, Ashkenazy, Wild, Golub und natürlich auch Rachmaninow selbst kaum möglich. Gasparian und sein Partner am Dirigierpult, Stefan Blunier, bieten aber eine in der klanglichen Mischung und in der wechselseitigen Impulsgebung gut durchgehörte, zugleich transparente wie sinfonische Version dieses Repertoireklassikers. Höhepunkte sind dabei einige Bläsersoli des Berner Symphonieorchesters, namentlich das As-Dur-Hornsolo gegen Ende des 1. Satzes, ebenso die Holzbläser im Thema des 2. Satzes. Auch gelingen die Schluss-Stretten des ersten wie des letzten Satzes in besonderer Homogenität zwischen Klavier und Orchester. Warum ein Forteschlag wie der F-Dur-Sextakkord zu Beginn der Kadenz des langsamen Satzes nicht wirklich übereinandersteht, bleibt allerdings ein Geheimnis des Tonmeisters.
Gasparians Klavierklang besticht durch die feine, oft geradezu silbrig getönte Zeichnung der Oberstimmen, die er selbst bei zweihändigem Spiel im Oktavabstand, zum Beispiel im langsamen Satz, deutlich zugunsten der höheren Stimme differenziert. Überhaupt scheint sein Spiel sehr stark rechtshändig orientiert zu sein, mit brillant leuchtendem Passagenwerk und souveräner Doppelgrifftechnik. Demgegenüber bleiben seine Bass­linien oft zu blass gegenüber dem vollen Orchesterklang und der komplexen harmonischen Strukturierung der Rachmaninow’schen Tonsprache.
Im Vergleich mit Rachmaninows Meisterwerk steht die Ballade von Babadjanian leider etwas verloren da. Eine Spur zu vordergründig kommt das E-Dur-Hauptthema daher, die im Tempo stark wechselnden Formteile gehen nicht wirklich zwingend auseinander hervor, und bei aller Rasanz in den schnellen Abschnitten, insbesondere dem Allegro moderato im 5/8-Takt, bleibt die harmonische wie die pianistische Erfindung doch eher unspektakulär. Eine andere Koppelung, etwa mit Ljapunows Ukrainischer Rhapsodie oder Arutjunjans Concertino, würde dieser Ballade besser zu Gesicht stehen.
Rainer Klaas