Susanne Schlusnus

Physioboe – Physiologisches Oboenspiel

Ein ganzheitliches Konzept für Oboe

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Aulos
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 61

Zunächst macht der Name stutzig. Richtig, der Nach­name Schlus­nus gehörte doch einst zum welt­berühmten Bari­ton Hein­rich. Er ist der Urgroßonkel von Susanne, die sich ganz der Oboe verschrie­ben und nun ein bemerkenswertes Buch vorgelegt hat. Es geht um das ganzheitliche Ler­nen dieses schwierig zu spie­len­den Holzblasin­stru­ments. Bere­its 2015 sollte es veröf­fentlicht wer­den, doch wegen der „Kom­plex­ität der Materie und der täglich neuen Erken­nt­nisse“, so die Autorin, brauchte sie noch einige Jahre Zeit.
Schlus­nus ist aber nicht nur Oboistin, son­dern auch Phys­io­ther­a­peutin, hat die Heilpraktiker­erlaubnis für das Gebi­et der Psycho­therapie erwor­ben und entwick­elte daraus ein „ganzheitlich­es Konzept“ mit dem Namen Phys­ioboe. Darunter ist ein neues und unkon­ven­tionelles Konzept zu ver­ste­hen, welch­es die Phys­io­ther­a­pie auf die Spez­i­fik der Oboe überträgt. Es soll einen Weg bieten, „Kör­p­er, Geist und Seele auf stim­mige Art und Weise mit der Oboe zu verbinden“, wom­it sich gle­ichzeit­ig neue Hor­i­zonte und Sichtweisen eröff­nen würden.
Drei Teile erwarten den inter­essierten Obois­t­en: Im all­ge­meinen Teil wird die Oboe aus Sicht der Musik­er­medi­zin beleuchtet, beispiel­sweise welche Belas­tun­gen aus dem Musizieren erwach­sen kön­nen. Dabei fließt auch die Geschichte mit ein, wie man sich früher einem Drill unter­warf. Aus­ge­hend vom Klavier­spiel im 19. Jahrhun­dert wur­den bere­its vere­inzelt Konzepte ent­wor­fen und teils umge­set­zt, die schon damals von ganzheitlichen Stand­punk­ten aus­gin­gen und wom­it man ein Stück Frei­heit in der Inter­pre­ta­tion erlan­gen wollte. Es baute auf einem Ver­ständ­nis auf, wie Kör­p­er, Intellekt und Emo­tio­nen beim Erler­nen des Instru­ments und beim Musizieren zusammenwirken.
Bevor es aber zum spez­i­fis­chen Teil mit „Physiologisch-energetische[n] Grund­la­gen“ und ins­ge­samt zehn Kapiteln zu „Oboistisch-musikalische[n] Aspekte[n]“ weit­erge­ht, wer­den noch die „‚Kör­perthe­men‘ in der Oboen­di­dak­tik“ mit Atmung, Zunge und Artiku­la­tion behan­delt. Fern­er wer­den ver­schiedene Übe-Begrif­flichkeit­en und Ter­mi­ni erläutert. So klänge beispiel­sweise das Wort „Tech­nik“ nach Mas­chine. Dage­gen ver­stünde es die Autorin so: „Wenn ich Organik übe, übe ich, was ich bin, ein Organ­is­mus“. Ange­sprochen wird zudem das einst „geist­lose“ Etü­den­spiel bis hin zum „Fak­tor Rohr“.
Im Haupt­teil geht es dann um die speziellen Prob­leme und um Bekan­ntes im neuen Licht wie Hal­tung, Fin­ger, Dau­men, Atmung, Stütze, Klang usw., wobei jed­er Ton ein eigenes Gefühl habe: Nur wenn der Klang frei sei, würde er stets gut klin­gen und gut intonieren. Das Herzstück des Buchs ist das Kapi­tel „Phys­ioboe oder ‚Zen in der Kun­st des Oboe­spiels‘“, was Ein­swer­den mit dem Instru­ment bedeutet und was „das Musizieren zu einem kon­tem­pla­tiv­en Akt wer­den lässt“. Ein Coach­ing-Kapi­tel schließt das Lern­buch ab, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass diesem bald ein Prax­is­buch fol­gen wird, wo manch­es nochmals bildlich ver­an­schaulicht wer­den soll.
Wern­er Bodendorff