Robert Schumann

Phantasiestücke für Klaviertrio op. 88

hg. von Ernst Herttrich, Urtext, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2021
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 72

Robert Schu­manns vier Phan­tasi­estücke für Klavier­trio haben eine recht lang­wierige Entste­hungs­geschichte: Bere­its im Dezem­ber 1842 begann der Kom­pon­ist mit der Arbeit an diesem Werk, aber nach mehreren Unter­brechun­gen, Revi­sio­nen sowie einem Ver­lagswech­sel von Peters zu Kist­ner in Leipzig erschien es erst 1850 als Opus 88 im Druck.
Gegenüber den drei „offiziellen“ Klavier­trios opp. 63 (1847), 80 (1849) und 110 (1851), die jew­eils gat­tungs­gemäß etwa eine halbe Stunde dauern, haben die Phan­tasi­estücke einen leichteren, suit­en­haften Charak­ter und lassen sich mit nur 20 Minuten Länge auch ein­fach­er in manch­es Kam­mer­musikpro­gramm ein­bauen – abge­se­hen von der Möglichkeit, guten Gewis­sens auch einzelne Sätze, zum Beispiel als Zugabe, zu präsentieren.
Die ersten drei Sätze – Romanze a‑Moll, Humoreske F‑Dur und Duett d‑Moll – wahren einen aus­ge­sprochen inti­men kam­mer­musikalis­chen Charak­ter ohne große konz­er­tante Allüre, was sich vor allem im klan­glich zurück­hal­tenden Klavier­satz äußert, der Vio­line und Vio­lon­cel­lo großen Spiel­raum zu eigen­er Ent­fal­tung bietet. Ger­ade in sein­er Schlichtheit beson­ders anrührend ist dabei das elegis­che „Duett“ – Duett bezo­gen auf das imi­tierend sich steigernde Wech­sel­spiel bei­der Stre­ich­er bei san­ft arpeg­gieren­der Klavier­be­gleitung. Der finale Marsch-Satz in a‑Moll, wohl später als die anderen drei Sätze ent­standen, schließt ein­er­seits den tonalen Zyk­lus, legt ander­er­seits aber einen deut­lichen Schw­er­punkt aufs Klavier, das mit kom­pak­ter Akko­rdik, stac­catierten Dop­pel­grif­fgän­gen und straf­fen Sechzehn­tel­läufen die Ini­tia­tive weit­ge­hend an sich reißt.
Eine Früh­fas­sung dieses Final­satzes, um fast die Hälfte länger (282 gegenüber 198 Tak­te), ist in der vor­liegen­den, vom langjähri­gen Hen­le-Lek­tor Ernst Hert­trich redigierten und mit aus­führlichem Tex­tkom­men­tar verse­henen Urtex­taus­gabe dankenswert­er­weise als Anhang abge­druckt. Diese län­gere Ver­sion mag vor allem als einzeln gespiel­ter Satz seine konz­er­tante Wirkung nicht ver­fehlen, im Zusam­men­hang mit den konzis gefassten ersten drei Phan­tasi­estück­en bekommt er möglicher­weise ein zu starkes Gewicht – Schu­mann hat sich offen­bar mit gutem Grund am Ende für die Veröf­fentlichung der kürz­eren Fas­sung entschieden.
Das Druck­bild dieser jet­zt veröf­fentlicht­en Einze­laus­gabe aus dem bere­its 2012 bei Hen­le erschiene­nen Gesamt­band der Werke für Klavier­trio Robert Schu­manns weist die gewohnte Henle’sche Über­sichtlichkeit auf; die Wen­destellen sind in Klavier­par­ti­tur wie Stre­ich­er­stim­men gut disponiert, und auch die Klavier-Fin­ger­sätze – son­st bei Hen­le oft ein wun­der Punkt – lagen bei dem 2020 ver­stor­be­nen Münch­n­er Konz­ert­pi­anis­ten Klaus Schilde in guten Händen.
Rain­er Klaas