Auli Eberle (Hg.)

Peter Ruzicka

Komponist, Dirigent, Intendant, Weggefährte. Passagen – ins Innere

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Text + Kritik
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 60

Als pro­moviert­er Jurist, Experte für Urhe­ber- und Leis­tungss­chutzrecht, ehe­ma­liger Inten­dant des RSO Berlin, der Ham­bur­gis­chen Staat­sop­er, der Münch­n­er Bien­nale und der Salzburg­er Fest­spiele nahm der Kom­pon­ist und Diri­gent Peter Ruz­ic­ka ein­flussre­iche Posi­tio­nen im Wirkungs­ge­füge des bun­des­deutschen Musik­lebens ein. Als Kün­stler durch handw­erk­liche Akri­bie und schöpferischen Selb­stzweifel beglaubigt, als Lenker, Mit­tler und Förder­er im musikkul­turellen Funk­tionssystem geachtet, ver­schaffte er seinen Werken nicht nur kom­fort­able Auf­führungs­be­din­gun­gen. Er sorgte auch für die förder­liche pub­lizis­tis­che „Begleit­musik“.
Seine Texte in eigen­er Sache ver­mit­teln seinem Schaf­fen eine Aura kul­turkri­tis­ch­er Bedeut­samkeit. Im Umgang mit Ref­eren­zw­erken der Ver­gan­gen­heit legt er eine habituelle Berührungss­cheu an den Tag, die sich oft schon in den Werk­titeln andeutet: Erin­nerun­gen, Nachk­länge, Nachze­ich­nung, Annäherung und Ent­fer­nung, Über­malun­gen, späte Gedanken… Wobei ihn die Lei­dens­fig­uren und Wund­male der jün­geren Kul­turgeschichte magisch anziehen.
Zum 70. Geburt­stag gab ihm die Edi­tion Text + Kri­tik neuer­lich Gele­gen­heit zur lit­er­arischen Ver­mit­tlung sein­er selb­st. Seine früheren Schriften­samm­lun­gen Erfun­dene und gefun­dene Musik (1998) und Ins Offene (2009) ergänzend, entwirft er hier ein­gangs unter dem von Paul Valéry entliehenen Dreipünk­tchen-Titel …pos­si­ble à chaque instant… ein drittes kom­pos­i­torisches Selb­st­porträt. Es bet­rifft seine jüng­ste, von öffentlichen Ämtern weit­ge­hend befre­ite Schaf­fen­sphase von 2009 bis 2018: von den fünf Nach­schriften zur ersten Oper Celan und zwei Vorstu­di­en zur drit­ten Oper Ben­jamin, die unter dem Ein­druck von Nah­tod-Erfahrun­gen eines „Kom­pon­is­tenkol­le­gen“ (Hen­ze?) ent­standen, bis zum jüng­sten Stre­ichquar­tett, das er mit dem erwäh­n­ten Valéry-Zitat über­schrieb. Es trifft einen Gedanken, der ihn seit Langem beschäftigte: „Anstelle der Illu­sion ein­er einzi­gen, das Wirk­liche nachah­menden Bes­tim­mung diejenige des ‚in jedem Augen­blick Möglichen‘ zu set­zen.“
„Eine solche reflex­ive Beobach­tung set­zt für mich Beethovens Stre­ichquar­tett op. 131 frei“, beken­nt der Jubi­lar: „ein sin­guläres Werk, das beständig auf einen ‚Möglichkeit­shor­i­zont‘ ver­weist.“ Im siebten Stre­ichquar­tett spreche er vielfach „in Möglichkeits­form über Frag­mente aus der Zukun­ft‘“ – eine kom­pos­i­torische Selb­ster­fahrung, die nicht auf die Ganzheit des Stücks gerichtet sei, son­dern seinen prozesshaften Ver­lauf spiegele.
Eine Rei­he erhel­len­der Werk­be­tra­ch­tun­gen und kom­po­si­tion­säs­thetis­ch­er Erörterun­gen ihm zugeneigter Autoren füllt den Kern­teil des Ban­des – darunter der Beitrag „Kom­ponieren im Kon­junk­tiv? Oder: Peter Ruz­ickas franzö­sis­che Inspi­ra­tio­nen“ von Habakuk Tra­ber und Peter Beck­ers Ein­sicht­en zur „Ver­wand­lung und Anwand­lung“ in den Meta­mor­pho­sen über ein Klangfeld von Joseph Haydn. Es fol­gen mehr oder min­der geistre­iche „Umblicke“, die Ruz­ic­ka ins Gespräch ziehen und als Brück­en­bauer würdi­gen, neb­st Huldigun­gen beglück­ter Fre­unde und Wegge­fährten.
Lutz Lesle