Kutscher, Jan

Paul Lincke

Sein Leben in Bildern und Dokumenten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: das Orchester 06/2017 , Seite 61

Bis heute wer­den Operetten gerne gehört und gese­hen, beispiel­sweise Ball im Savoy oder Vik­to­ria und ihr Husar von Paul Abra­ham, Im Weißen Rössl von Ralph Benatzky und hin und wieder auch Frau Luna von Paul Lincke, dessen Marschlied von der „Berlin­er Luft“ zumin­d­est unter älteren (und vielle­icht auch jün­geren) Berlin­ern beliebt sein dürfte.
Doch viel mehr ken­nen selb­st Musik­fre­unde nicht von ihm. Wer aber mehr über Paul Lincke erfahren will, wird bei der Lek­türe von Jan Kutsch­ers Band reich belohnt wer­den: Viele unbekan­nte Details zu Lincke, seinem Leben, zu Umfeld und Zeit­geschichte hat der Prak­tik­er Kutsch­er (Berlin­er Salonorch­ester Iso­la-Bel­la) engagiert, liebevoll und akribisch zusam­menge­tra­gen. Wer weiß schon, dass es in den 1890er Jahren in Berlin das Belle-Alliance-The­ater mit Som­mer­bühne, beleuchtet mit 20000 Gas­flam­men, gab und Lincke dort mit sein­er „Dirigierge­wandtheit“ vom Direk­tor des großen Apol­lo-The­aters ent­deckt wurde? 600 Mal wurde Frau Luna dort aufge­führt! Und wer weiß schon, dass Lincke einen eige­nen Ver­lag grün­dete und sich damit nicht nur als Musik­er, Kapellmeis­ter, Kom­pon­ist, son­dern auch als Musikver­leger ver­stand?
Jan Kutsch­er wid­met nicht nur den diversen The­atern und dor­ti­gen Engage­ments, son­dern auch den Lincke umgeben­den Frauen und seinen Steuer- und Finan­za­k­ten jew­eils ein ganzes Kapi­tel. Ergänzt mit ein­er Fülle von über 200 Abbil­dun­gen, Fotos, Briefen, Postkarten, Deck­blät­tern zu Noten und Noten­skizzen zeich­net Kutsch­er ein so weit wie irgend möglich voll­ständi­ges Bild von Lincke. Auch dessen Nähe zu den Machthabern des „Drit­ten Reichs“, darunter auch Joseph Goebbels, wird wed­er ver­harm­lost noch aufge­bauscht, son­dern schlichtweg sach­lich vorgestellt. Kutsch­er zeich­net damit ein umfassendes Bild des Men­schen und Kün­stlers Paul Lincke.
Dessen Werke wer­den lei­der nur mit ziem­lich all­ge­meinen Aus­sagen erwäh­nt, zum Beispiel: „… zweifel­sohne hat­te Paul Lincke seinen Kom­po­si­tion­sstil. Allerd­ings wird dieser wegen der beim Pub­likum beliebtesten Werke ungerecht­fer­tigter Weise meist auf seine Märsche und flot­ten Tänze im Zwei- oder Viervierteltakt verkürzt. Wenn man die sich lei­der nicht mehr allzu oft bietende Chance hat, beispiel­sweise eine sein­er Operetten voll­ständig und in der Orig­i­nal­fas­sung hören zu kön­nen, ist man daher über deren musikalis­che Vielfalt erstaunt.“
Und so gilt auch für dieses Buch: „Die Musik Paul Linck­es stört niemals, da sie an kein­er Stelle her­vor­tritt“, wie das Berlin­er Tage­blatt schon 1909 über die Pre­miere ein­er Revue von Lincke schrieb. Ob eines Tages ein Musik­wis­senschaftler neben diesen umfan­gre­ichen Ein­blick in Linck­es Leben noch eine gründliche Betra­ch­tung sein­er musikalis­chen Werke stellt, bleibt abzuwarten.
Vio­la Karl