Arnold Pistiak

Paul Dessau

Ein Künstlerroman in 14 Bildern

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Bodoni
erschienen in: das Orchester 04/2022 , Seite 67

Paul Dessau, Kom­pon­ist Brecht’scher Schaus­piel­musiken: Jene (noch immer) veren­gende Rezep­tion­sper­spek­tive weit­en zu wollen, ist dur­chaus ehren­wert. Und dies mit­tels ein­er erzäh­len­den Darstel­lung zu tun, in der reale und fik­tionale Anteile sich mis­chen, mithin biografis­che Fak­ten nicht bloß aufgezählt wer­den – warum nicht. Das aber, was es hier zu lesen gibt, bleibt deut­lich hin­ter solcher­lei Ansprüchen zurück. Denn Arnold Pis­ti­ak erzählt den soge­nan­nten „Lebensweg“ Paul Dessaus lediglich nach in Form auss­chmück­ender, anek­do­tis­ch­er und ja, auch rührselig anmu­ten­der Szenen. Und da durch­weg ein irgend­wie altväter­lich­er Erzählton angeschla­gen wird, wirkt das alles selt­sam anachro­nis­tisch. (Zitat: „Der kleine Paul lächelte lieb. Mama, Papa, ich möchte Sänger wer­den, bitte, bitte. […] Und nun muss ich auf­passen, dass mir die Noten nicht abhan­denkom­men. Dass du hüb­sch bei mir bleib­st, mein Köfferchen.“)
Biografisch-inhaltlich unverzicht­bare Infor­ma­tio­nen mit­tels Fig­uren-Gedanken zugänglich zu machen oder in aller­lei (erfun­de­nen) Dialo­gen unterzubrin­gen – erzähltech­nisch kann das tragfähig sein. Der Autor jedoch set­zt hier solch­es Ver­fahren nachger­ade flächen­deck­end ein, dabei zwangsläu­fig sich ergebende Unstim­migkeit­en ignori­erend. Die ein­gangs einge­führte Erzäh­ler­fig­ur, die sich for­t­an aktiv ein­schal­tet in die Erzäh­lung, Fig­uren in Gespräche ver­wick­elt und zudem die Leser­schaft unmit­tel­bar anspricht, ließe sich – mit viel gutem Willen! – noch als küh­n­er Kniff werten. Allerd­ings ist auch dies erzähl-handw­erk­lich ein­fach nicht solide genug aus­gear­beit­et. Das ist ins­beson­dere deshalb bedauer­lich, ja ärg­er­lich, weil auf diese Weise nun ger­ade kein ern­sthaftes und stich­haltiges, son­dern ein eher banal­isieren­des Bild des Kom­pon­is­ten Paul Dessau entsteht.
Dem Erzählfort­gang entsprechend geht Pis­ti­ak zwar auf einzelne Kom­po­si­tio­nen Dessaus aus­führlich­er ein: von der exper­i­mentellen Ton­film-Musik Episode über Guer­ni­ca für Klavier (1937), die Kan­tate Les Voix (1939) und das Deutsche Mis­erere, das erste gemein­same Pro­jekt mit Bertolt Brecht, ent­standen 1943–1947 im amerikanis­chen Exil, bis hin zur Oper Die Verurteilung des Lukul­lus (1951). Allerd­ings: Zu beiläu­fig nur und ein der Sache angemessenes Niveau schlichtweg ver­fehlend ist von kom­pos­i­torisch-ästhetis­chen Fragestel­lun­gen und Entschei­dun­gen die Rede.
Die Exis­tenz- und Arbeits­be­din­gun­gen von Kun­stschaf­fend­en, zumal jüdis­ch­er Herkun­ft, seit Beginn des frühen 20. Jahrhun­derts über die Zeit im Exil bis hinein in die Nachkriegs­jahre – in Dessaus Biografie scheinen sie symp­to­ma­tisch auf. Pis­ti­aks roman­hafter Erzäh­lung aber gelingt es kaum ansatzweise, die mit den Lebenssta­tio­nen ver­bun­de­nen Her­aus­forderun­gen für das Selb­stver­ständ­nis als Kün­stler, die Arbeitss­chw­er­punk­te sowie die darin for­mulierten eigen­ständi­gen Prob­lem­lö­sun­gen sub­stanziell zu kennzeichnen.
Faz­it: Lohnende Lek­türe sieht denn doch anders aus. Die Chance, sich in erzäh­lerischem Zugriff der Kom­pon­is­ten­per­sön­lichkeit Paul Dessau zu näh­ern, bleibt hier (lei­der!) ungenutzt.
Gun­ther Diehl