Klaus Waller

Paul Abraham

Der tragische König der Jazz-Operette

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Starfruit
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 62

Eine Biografie über Paul Abra­ham ist eine undankbare wie bek­lem­mende Auf­gabe. Die erste Leben­shälfte des „tragis­chen Königs der Jazz-Operette“ (1892–1960) liegt weit­ge­hend im Dunkeln, weil der in Budapest auch als Börsen-Kom­mis­sionär für seine Kün­stler­fre­unde Tätige Selb­st­mit­teilun­gen mit märchen­haften Details auss­chmück­te. Abra­ham set­zte sich als Wun­derkind und erfol­gsver­wöh­n­ter Dandy in Szene und band Medi­en­vertretern so manchen Bären auf.
Als sein Geburt­sort Apatin nach dem Ersten Weltkrieg von Ungarn an Jugoslaw­ien fiel, musste Abra­ham sich die ungarische Staats­bürg­er­schaft admin­is­tra­tiv erkaufen. Nach dem Erfolg von Vik­to­ria und ihr Husar 1930 in Deutsch­land spielte er die ihm davor in Ungarn zuteil gewor­dene Anerken­nung herunter. Nur wenige Jahre dauerte das europäis­che Abra­ham-Fieber, bis der jüdisch-stäm­mige Bon­vi­vant Deutsch­land nach der Machtüber­nahme der Nazis ver­lassen musste, über Öster­re­ich und Kuba nach Ameri­ka emi­gri­erte, dort auf­grund der Spät­fol­gen ein­er Syphilis jahre­lang in ein­er psy­chi­a­trischen Klinik lebte und durch ein Komi­tee nach Deutsch­land zurück­ge­holt wurde. 1960 ver­starb Abra­ham in Ham­burg-Eppen­dorf an ein­er Hautkrebs-Erkrankung.
Die Abra­ham-Renais­sance ist auch durch die von der Komis­chen Oper Berlin und ihrem Inten­dan­ten Bar­rie Kosky aus­ge­hen­den Impulse in vollem Gang. Ball im Savoy hat sich wieder auf den Spielplä­nen etabliert, Abra­hams Operetten Roxy und ihr Wun­derteam und Märchen im Grand Hotel schwim­men auf ein­er frischen Erfol­gswelle durch den deutschsprachi­gen The­ater­raum. Eine Würdi­gung ihres Schöpfers und damit ein weit­eres trau­riges Kapi­tel über die Kahlschläge an der deutschen Unter­hal­tungskul­tur durch die Nation­al­sozial­is­ten war also überfällig.
Der Sportjour­nal­ist und Gen­er­al­ist Klaus Waller set­zt zwei Teile: Auf­stieg und Abstieg. Er lässt im Anhang unter anderem Hen­ning Hage­dorn über eine ver­lässliche Edi­tion von Abra­hams Operetten sowie Bar­rie Kosky und Adam Ben­zwi mit einem lei­den­schaftlichen Plä­doy­er für die Büh­nen­tauglichkeit Abra­hams zu Wort kom­men. Waller hat Unmen­gen der gängi­gen bzw. weniger bekan­nten Operetten-Lit­er­atur durch­forstet. Die Lis­ten im Anhang bele­gen, dass Abra­hams Schaf­fen nie wieder eine Erfol­gs­fre­quenz wie in den let­zten Jahren der Weimar­er Repub­lik erreichte.
Auf­grund der unsicheren Quel­len­lage und den wider­sprüch­lichen Aus­sagen Abra­hams, von denen Waller bei Weit­em nicht alle auflösen kon­nte, musste der Autor auch Zeitzeu­gen zu Rate ziehen. Ins­ge­samt zeigt Waller größeres Inter­esse an per­son­ellen Ver­flech­tun­gen als an den heute für genial erachteten Operetten, in denen zwis­chen Polyamor­ie, offe­nen Ehen und erhöhter Flirt­bere­itschaft nichts aus dem met­ro­pol­i­ta­nen Vergnü­gungs­d­schun­gel unmöglich scheint.
Ein gutes Open­ing für die Lek­türe wäre der von Paul Abra­ham dirigierte YouTube-Post „Es ist so schön am Abend bum­meln zu gehn“ mit Rosy Bar­sony und Oskar Dénes.
Roland Dippel