Constantin Floros

Passion Musik

Eine wissenschaftliche Autobiografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 64

Das ist der alten Men­schen Kro­ne, dass sie viel erfahren haben (Sir. 25, 8). Daher die Nei­gung, Rückschau zu hal­ten und die Essenz des eige­nen Schaf­fens zu bewahren. So liest sich und berührt das jüng­ste der über zwanzig Büch­er (plus Über­set­zun­gen), die der Ham­burg­er Musik­forsch­er Con­stan­tin Floros in rund 50 Jahren pub­lizierte. „Bruch­stücke ein­er großen Kon­fes­sion“ hätte er seine Wis­senschaftliche Auto­bi­ografie auch unter­titeln kön­nen. Leit­mo­tiv seines Strebens war die These, Fortschritt der geschichtlichen Wis­senschaften werde sich über­all da vol­lziehen, „wo Spezial­isierung und Ganzheits­be­tra­ch­tung sich kom­binieren und durch­drin­gen“ (Ernst Robert Cur­tius 1948).Von den Fachgelehrten eher zöger­lich anerkan­nt, gelan­gen ihm Ent­deck­un­gen erhe­blich­er Trag­weite auf ver­schieden­sten Feldern der Musik. Obwohl er bere­its 1963 die alt­slaw­is­che Kon­dakarien-Nota­tion enträt­selt hat­te, nan­nte The New Grove diese noch 1980 „enig­mat­ic“. Da war seine dreibändi­ge Uni­ver­sale Neu­menkunde bere­its zehn Jahre auf dem Markt!
Schon für seinen akademis­chen Men­tor in Ham­burg, den Mediävis­ten Hein­rich Hus­mann, gehörten Altes und Neues, His­torische und Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft, Philolo­gie und Eth­nolo­gie, Musikpsy­cholo­gie und Akustik zusam­men. Um den Preis, als Außen­seit­er zu gel­ten, wid­mete Floros einen Großteil sein­er Arbeit dem Bedeu­tung­shor­i­zont von Musik der Wiener Klas­sik bis zur Post­mod­erne. Es ging ihm darum, ihr die Würde der Sin­nvielfalt zu erhal­ten, die ihr die Kaste der Erb­sen­zäh­ler abschnitt, indem sie Par­ti­turen zu struk­tu­r­an­a­lytis­chen Daten­spendern verkürzte. „Die geistige Tiefendi­men­sion bedeu­ten­der musikalis­ch­er Kunst­werke total zu ignori­eren und sich auf die Unter­suchung des ‚Klan­gleib‘ zu beschränken: für mich gibt es keine schlim­mere Verir­rung“, beken­nt der Autor unverblümt.
Seine schon 1964 an Mozarts „Meis­ter­ou­vertüren“ entwick­elte, in sein­er Studie über Alban Bergs Lyrische Suite 1975 erst­mals so benan­nte Meth­ode „seman­tis­ch­er Analyse“, die in seinem dreibändi­gen Stan­dard­w­erk über Mahlers geistige Welt, die Ver­wurzelung sein­er Musik- und Sym­bol­sprache in der Sin­fonik des 19. Jahrhun­derts sowie die Sym­phonien im Einzel­nen (1977/87) gipfelte – sie galt dem Endzweck, das emo­tionelle und geistige „Innen­leben“ der Musik freizule­gen, ihre humane Botschaft zu entschlüsseln.Neben seinen Ein­blick­en u.a. in die Ästhetik der Zweit­en Wiener Schule und deren Grabenkämpfe in den 1920er Jahren erweist sich Floros als pas­sion­iert­er Ken­ner sein­er musikalis­chen Zeitgenossen, allen voran seines Fre­un­des Györ­gy Ligeti (glänzend die Studie zur „Absur­dität der men­schlichen Exis­tenz“ in dessen Oper Le Grand Macabre). Wer sich ihm als Schüler ver­bun­den fühlt, weiß die Offen­heit zu schätzen, mit der er ein­gangs sein­er griechis­chen Eltern aus Kleinasien, sein­er Kind­heit und Jugend in Saloni­ki und sein­er Lehr­jahre in Wien gedenkt. Sym­pa­thisch immer wieder auch die Redlichkeit sein­er Sprache, die sich jeglich­er Verk­lausulierun­gen und modis­ch­er Anglizis­men enthält.
Lutz Lesle