Werke von Thomas Tallis, Henry Purcell, Kevin Hartnett und Johann Sebastian Bach

Passio

The Zurich Chamber Singers, Ltg. Christian Erny

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 551
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 77

„Passio“ heißt Leidenschaft. Im Zusammenhang mit Singen und Chor ahnt man jedoch gleich: Die Musik auf dieser CD wird etwas mit der Passionszeit, den Wochen vor Ostern also zu tun haben. Das soll sie auch – und tut sie dennoch nicht. Es geht vielmehr um einen allgemeinen Trauer-Affekt. Bachs Motette Jesu, meine Freude, Hauptwerk dieser von einem lachsroten Cover gezierten Einspielung, ist (vermutlich) eine Trauermusik, ebenso wie die drei Motteten aus der Funeral Music for Queen Mary von Henry Purcell.
Kevin Hartnetts flächiges De profundis, von den Zurich Chamber Singers in Auftrag gegeben und 2016 uraufgeführt, vertont eine Melange aus Versen der sechs Bußpsalmen, die in der Stundenliturgie der Karwoche, so sie denn noch irgendwo stattfindet, gesungen werden. Spätestens hier blättert man im Booklet vergeblich nach den gesungenen Texten – hätte man sie doch anstelle verzichtbarer Fabrikhallen-Postings abgedruckt!
Eingerahmt wird dieses Programm von zwei Motetten von Thomas Tallis: Salvator mundi, eine An­tiphon zum Fest der Kreuzerhöhung, das im September gefeiert wird und mit der Passionszeit nur über einen historischen Umweg zu tun hat, und If ye love me, Worte aus den Abschiedsreden Jesu, die in der evangelischen Perikopenordnung am Sonntag vor Pfingsten stehen.
So ambitioniert und abwechslungsreich das Programm also auftritt, so bemerkenswert sind liturgische, historische oder auch intellektuelle Unschärfen und Verallgemeinerungen bei der Zusammenstellung – in der Art, wie man heute auch an Karfreitagen das Mozart-Requiem in Kirchen und Konzertsälen erleben muss. Es geht eben irgendwie um Tod, und da ist alle irgendwie nach Trauer klingende Musik heilig.
Irgendwie singt auch der 2015 gegründete Kammerchor: sauber in der Intonation (Purcell und Bach mit Stütze durchs Orgelpositiv), rhythmisch korrekt und klanglich einigermaßen homogen. Das Bemühen der 14 professionellen Sängerinnen und Sänger um diese Ziele schlägt sich nieder in sängerischer Vorsicht, eintönigem, blassem Klang und wenig ausgeprägter Transparenz, zumal in Bachs theologisch ausgefeiltem Meisterwerk. Welche Funken könnte man, auch ohne forcierte Effekte, allein mit expressiver Sprachgestaltung aus den bekannten Stellen schlagen, wo der Satan wittert, wo es itzt gleich kracht und blitzt oder wo von „Lauter Zucker“ die Rede ist!
Die Komposition des 1990 geborenen Briten Hartnett schichtet interessante Klänge aufeinander, lässt die Textzeilen wortbetont darüber rezitieren, imitiert hier und da auch den Quintfall der Melodie von Luthers Lied Aus tiefer Not, der deutschen Paraphrase des Psalms 130, der dem Stück den Titel gegeben hat. Mehr Dynamik täte der Eindringlichkeit des Stücks gut. Man wünscht den Zurich Chamber Singers für die Zukunft mehr „Passio“ – im Sinne von Leidenschaft!
Andreas Bomba