Edward Elgar

Partsongs/From the Bavarian Highlands

Chor des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Howard Arman

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 05/2021 , Seite 87

Wenn ein Englän­der „Chor­lieder aus dem bay­erischen Hochland“ dirigiert, diese aus der Fed­er eines Englän­ders stam­men und dann noch von einem bay­erischen Chor einge­spielt wer­den, muss das Konzept ein­er solchen CD ein­fach aufge­hen. Und es funk­tion­iert, zumal mit Howard Arman und dem Chor des Bay­erischen Rund­funks Hochkaräter am Werk sind.

Die Lebens­dat­en des Kom­pon­is­ten Edward Elgar (1857–1934) weisen ihn als zwis­chen den Epochen ste­hen­den Mono­lithen aus. Seine Ton­sprache verbleibt im tonalen Rah­men, aber gele­gentlich ist er schweifend auf der Suche nach Neuerung oder Aus­bruch. So kom­men etwa die bay­erisch anmu­ten­den ¾‑Takt-Lieder From the Bavar­i­an High­lands eher tra­di­tionell daher, aus­gelöst auch durch die typ­isierende Klavier­be­gleitung. Elgar ver­tont hier Texte sein­er Frau Alice, welche Ein­drücke eines gemein­samen Urlaubs in Garmisch zu Papi­er brachte.

Ganz anders dage­gen, näm­lich mod­ern­er geset­zt, erklin­gen Five Part­songs from the Greek Anthol­o­gy. Hier­bei zele­bri­eren die Her­ren des Bay­erischen Rund­funk­chors einen der­art gepflegten Män­ner­chor-Sound, dass man sich daran kaum satthören kann. Über­haupt ist der gesamte Chor bei allen zwanzig Liedern dieser CD in Hochform und ent­bi­etet einen präsen­ten, in sich geschlosse­nen, aus­ge­wo­ge­nen und doch mod­ulier­fähi­gen Chork­lang, eine her­vor­ra­gende Textver­ständlichkeit sowie eine stu­pende Into­na­tion­ssicher­heit. Das alles ist nicht nur tadel­los gemacht, es wächst gele­gentlich über sich selb­st hin­aus. So kann das Ensem­ble mit hin­reißen­der Innigkeit beim Wiegen­lied Lul­labay eben­so begeis­tern wie es very british den Män­ner­chor­satz The Reveille vorex­erziert. Und als Schlussstück vern­immt man das eben­so entrückt kom­ponierte wie nicht min­der abge­hoben vor­ge­tra­gene Chor­lied The Prince of Sleep, welch­es Elgar nach dem Tod sein­er Frau Alice ver­tonte. Bei eini­gen mit Frauen­chor beset­zten Liedern treten neben dem Klavier zwei Vio­li­nen hinzu. Das bringt eine wohltuende Far­b­vari­ante in den anson­sten reinen Chorklang.

Und auch das beige­fügte deutsch-englis­che Book­let ist her­vor­ra­gend gemacht. Diri­gent Howard Arman höch­st­selb­st gibt tiefe Ein­blicke in die Choraf­finität seines Lands­man­ns Edward Elgar. Und er ver­fasst lesenswerte Kurze­in­führun­gen zu den einzel­nen Chor­w­erken, deren Lied­texte getren­nt abge­druckt sind.

Bleibt die Frage nach dem Reper­toirew­ert der Elgar-CD: Kön­nten diese Chor­lieder gle­ich­berechtigt neben Schlüs­sel­w­erke eines Johannes Brahms, Joseph Rhein­berg­er oder Max Reger treten? Hier sind leise Zweifel ange­bracht, und zwar weniger des englis­chen Textes wegen. Elgars Kom­po­si­tion­slev­el kann nicht bei allen Liedern dieser CD das Niveau der oben Genan­nten mithal­ten. Den­noch hät­ten es die meis­ten sein­er Part­songs ver­di­ent, von aufgeschlosse­nen Chordiri­gen­ten als bemerkenswerte

Bere­icherung der gängi­gen spätro­man­tis­chen Chor­lit­er­atur ent­deckt zu wer­den. Aber nicht nur deshalb hat sich die Pro­duk­tion dieser CD gelohnt.

Thomas Krämer