Péter Eötvös/Pedro Amaral

Parlando – Rubato

Gespräche, Monologe und andere Umwege

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 64

Die Kar­riere von Péter Eötvös als Opernkom­pon­ist begann spät. 1991 gab der damals 47-Jährige nach zwölf Jahren die Leitung des Ensemb­le Inter­con­tem­po­rain ab. Denn es drängte ihn, die Erfahrun­gen, die er als repro­duzieren­der Kün­stler gemacht hat­te, schöpferisch inten­siv­er zu nutzen, an seine frühen Arbeit­en aus den 1970er Jahren anzuknüpfen, in denen er erst­mals auf seine ganz eigene Weise den Begriff des Musik­the­aters neu zu definieren suchte, jen­seits zeit­genös­sis­ch­er Strö­mungen und stilis­tis­ch­er Ide­olo­gien. An diesen hat­te er sich hin­re­ichend abgear­beit­et, allerd­ings um schließlich zu erken­nen, dass er nur in der Posi­tion des Außen­seit­ers zu sein­er eige­nen kom­pos­i­torischen Sprache find­en würde.
Diese Erken­nt­nis sollte zu ein­er zweit­en, nicht min­der beein­druck­enden Kar­riere führen, die wiederum ohne die langjährige Prax­is von Péter Eötvös als Pianist und Diri­gent nur schw­er denkbar wäre. Wie kom­plex seine bei­den musikalis­chen Leben aufeinan­der bezo­gen sind und welche Rolle biografis­che wie zeit­geschichtliche Umstände dabei gespielt haben, hat Eötvös in ein­er Gesprächs­serie im Mai 2010 mit dem Kom­pon­is­ten und Musik­wis­senschaftler Pedro Ama­r­al reka­pit­uliert und dabei im Nach­gang manche Ein­sicht­en gewon­nen, die er mit dem Blick des lei­den­schaftlich kühlen Ana­lytik­ers und mit frap­pierend dis­tanziert­er Hal­tung gegenüber seinen eige­nen Werken und gewis­ser­maßen als His­torik­er sein­er selb­st in ihrer Bedeu­tung einord­net.
Im Pro­log lässt Ama­r­al die wichtigs­ten Sta­tio­nen im kün­st­lerischen Leben von Eötvös in aller Kürze Revue passieren: die eher kon­ven­tionelle musikalis­che Aus­bil­dung an der Musikakademie in Ungarn und die kom­pos­i­torischen Stu­di­en bei den großen Antipo­den Karl­heinz Stock­hausen und Bernd Alois Zim­mer­mann im Köln der späten 1960er Jahre, die erste Reise von Eötvös nach Japan, die ihren Nieder­schlag in Harakiri find­en sollte – ein­er Szene mit Musik für Sän­gerin, eventuell einem Sprech­er sowie drei Instru­men­tal­is­ten, die rück­blick­end betra­chtet den Nuk­leus von Eötvös’ musik­the­atralis­ch­er Arbeit bildet.
Je weit­er man in der Lek­türe fortschre­it­et, über Opern wie Drei Schwest­ern (1996/97), Le Bal­con (2001) oder den Einak­ter Sen­za sangue (2014/15), umso klar­er kristallisiert sich her­aus, dass das nar­ra­tive Moment im Œuvre von Eötvös die zen­trale Triebkraft ist, dass es immer der Stoff ist, die Sprache im engeren wie im über­tra­ge­nen Sinn, was Eötvös das berühmte weiße Blatt beschreiben lässt. Man erfährt in ver­schieden­sten Kon­tex­ten, dass der Prag­matik­er und Prak­tik­er Eötvös den insti­tu­tionellen Appa­rat Oper her­aus­fordert, sich von diesem aber auch her­aus­fordern lässt. Denn ähn­lich wie Bernd Alois Zim­mer­mann bedi­ent sich Eötvös bei allen Musik­gen­res. Ähn­lich wie Karl­heinz Stock­hausen arbeit­et Eötvös, geleit­et von seinem ana­lytisch-emo­tionalen Ansatz, struk­turell hoch aus­d­if­feren­ziert. Und genau wie seine bei­den wichtig­sten Lehrer hat er dabei zu einem unver­gle­ich­lichen Stil gefun­den, über dessen Ingre­dien­zien man hier alles erfährt. Der vor­liegende Band dürfte für Inter­pre­ten wie für kün­ftige Exegeten von größter Bedeu­tung sein.
Annette Eck­er­le