Werke von Manuel de Roo, Josef Haller, Hannes Kerschbaumer und anderen

Paradies & Hoffnung

Maria Erlacher/Heidrun Mark (Sopran), Ivana Pristašová (Violine), Kammerchor Innsbruck, Vocappella Innsbruck, Vokalensemble Stimmen, Tiroler Kammerorchester InnStrumenti, Ltg. Gerhard Sammer

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Helbling 978399069436
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 80

Tönende Zeitze­ichen aus der seit 1919 poli­tisch geteil­ten Kul­tur­land­schaft Tirol drin­gen eher sel­ten außer Lan­des. Es sei denn auf den „Klangspuren“ des Innstädtchens Schwaz. Oder auf der Fährte des Tirol­er Kam­merorch­esters InnStru­men­ti aus Inns­bruck, das gren­züber­schre­i­t­end Gen­res, Epochen, Gen­er­a­tio­nen, Pub­likumss­chicht­en und Insti­tu­tio­nen verbindet.
Das Inntal behei­matet zudem Chöre über­re­gionalen Ranges: den Kam­mer­chor Inns­bruck, die Vocap­pel­la Inns­bruck und das Vokalensem­ble Stim­men. Einzeln und gemein­sam mit den InnStru­men­ti bere­ich­ern sie das Musik­leben des öster­re­ichis­chen Bun­des­lan­des Tirol und der autonomen Prov­inz Bozen/Südtirol. Ihr Wirken schafft ein musikkul­turelles Kli­ma, das den hüben und drüben leben­den Kom­pon­is­ten in die Hände arbeitet.
Unter ihrem charis­ma­tis­chen Diri­gen­ten und Hochschullehrer Ger­hard Sam­mer strahlen die InnStru­men­ti mit ver­führerischen Konz­ert­for­mat­en, Pro­gram­mideen und The­men­rei­hen weit über Tirol hin­aus. Eine der Let­zteren, vom Label Hel­bling sorgsam doku­men­tiert, wid­met sich neuen Kom­po­si­tio­nen für Kam­merorch­ester. Die achte CD dieser Rei­he wirbt mit einem zu Coro­n­azeit­en beson­ders ansprechen­den Titel: Paradies & Hoff­nung. Vier der fünf für kirch­liche Räume gedacht­en Werke beziehen die erwäh­n­ten Vokalensem­bles mit ein.
In seinem unruhege­het­zten, doch geläutert ausklin­gen­den Stück für Sopran, Chor, Stre­i­chorch­ester und Schlag­w­erk KAIN, schön­er Plan­et schürft der Nieder­län­der Manuel de Roo (*1979) nach Spuren der Hoff­nung im Schlagschat­ten des Sün­den­falls. Als jüng­ster Beiträger der Samm­lung zehrt der Südtirol­er Pianist und Kom­pon­ist Josef Haller (*1993) in seinem ähn­lich beset­zten Klagege­sang Nae­nia von der Sprachge­walt des Psalters. Werkaus­lösend waren hier Jam­mer, Not und Tod Flüch­t­en­der – von Abra­ham und Isaak bis zu den Opfern gegen­wär­tiger Schlep­per­ban­den. Seine Affek­t­skala chang­iert stufen­re­ich zwis­chen star­rem Geflüster und Entset­zenss­chrei, Ver­loren­heit und Erlösungsvision.
Nach der Vorhalle frühchristlich­er und byzan­ti­nis­ch­er Kirchen benan­nt, ist das Kam­merorch­ester­stück Narthex mit zwei Solok­lar­inet­ten des nahe Inns­bruck leben­den Südtirol­ers Hannes Ker­schbaumer (*1981), der bei Beat Fur­rer in Graz und Georg Friedrich Haas in Basel studierte, ein betören­des Raumk­langstück, das vom sprö­den Dies­seits in eine Sphäre paradiesis­ch­er Mys­tik hinübergleitet.
Et nox, ein sech­steiliger Hym­nus des Inns­bruck­er Erich-Urban­ner-Schülers Sebas­t­ian Themessl (*1975) nach Ambro­sius von Mai­land für Frauen­chor und Kam­merorch­ester, ver­lei­ht der lateinis­chen Vers­dich­tung alt­meis­ter­liche Würde. Die sym­phonis­che Skizze Das Paradies im Tod des Südtirol­ers Chris­t­ian Gam­per (*1978) über ein heimis­ches Volk­slied mit Frauen­chor durch­lichtet das Rit­u­al des Abschied­nehmens mit Klangschalen ein­er Inns­bruck­er Glockengießerei.
Lutz Lesle