Christine Fornoff-Petrowski/ Melanie Unseld (Hg.)

Paare in Kunst und Wissenschaft

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Böhlau
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 65

Der Titel des Buchs nen­nt das The­ma. Es ver­sam­melt 16 Texte; 15 stam­men von Frauen, ein­er von einem Mann. Ob man sich bei dieser Quote etwas denken soll, muss offen bleiben. Eines ist klar: Die Auf­satzsamm­lung ver­ste­ht sich als Beitrag zur soge­nan­nten Gen­der­forschung – Band 18 in der Reihe
„Musik – Kul­tur – Gen­der“. Die Deutsche Forschungs­ge­mein­schaft förderte das Pro­jekt „Paare und Part­ner­schaft­skonzepte in der Musikkul­tur des 19. Jahrhunderts“.
Die vor­liegende Pub­lika­tion wurde maßge­blich vom Insti­tut für Musik­wis­senschaft und Inter­pre­ta­tions­forschung der Uni­ver­sität Wien ermöglicht. In vier Blöcke gegliedert, erfährt der Leser etwas über: 1. Schreiben über Paare. 2. Schreiben als Paar, 3. Selb­st-/In­sze­nierun­gen, 4. Konstellationen/Familien/Netzwerke.
Im ersten Block wird beispiel­sweise über die Paar­beziehung von Ignaz und Char­lotte Moscheles berichtet; Giuseppe Ver­di und Giusep­pina Strep­poni lernt man als paarige „Stim­men der Rev­o­lu­tion“ ken­nen und im kom­plizierten Ver­hält­nis zwis­chen Goethe und Frau von Stein wird ein Lust­spiel aus ihrer Fed­er inter­pretiert und als „Quelle von Paarkonzepten und Diskurslexikon“ gelesen.
Es ist ein – was das auszuw­er­tende Mate­r­i­al ange­ht – also recht zufäl­liges Durcheinan­der aus zwei Jahrhun­derten. Es wird zusam­menge­hal­ten, weil Paare vorkom­men, weil Kul­tur mitschwingt und weil Män­ner- und Frauen­rollen sicht­bar wer­den. Dies geschicht jedoch alles nur in vagen Umris­sen, was an der Meth­ode beziehungsweise ihrer Abwe­sen­heit liegt. So wird, was vor­liegt, über weite Streck­en para­phrasiert. Damit der Ein­druck von Wis­senschaft ver­stärkt wird, tritt es in ein­er anderen, mod­er­nen, ja modis­chen Sprache auf. Das sind aber nur Vok­a­beln, keine Begriffe und vor allem sind es keine Analy­sen. Die Ergeb­nisse der Inter­pre­ta­tions­be­mühun­gen kom­men über „es kön­nte sein“ und „möglicher­weise“ nicht hinaus.
Wer mit kul­tur­wis­senschaftlichen Unter­suchun­gen ver­traut ist, weiß, wie viele Tück­en die Quellen bere­i­thal­ten für den, der zu ver­ste­hen und erk­lären ver­sucht. Kön­nen wir wirk­lich nachvol­lziehen, was eine Ehe­frau des 19. Jahrhun­derts in Briefen und Tage­buchein­tra­gun­gen aus­drückt, wenn sie ihre bedin­gungslose Unter­stützung der Kar­riere ihres Ehe­manns betont? Tritt sie hin­ter ihn zurück? Wurde sie an einem eige­nen Leben in Kun­st, Wis­senschaft und Öffentlichkeit gehin­dert? Aus mod­ern­er Sicht vielle­icht. Und von außen betra­chtet natür­lich auch. Doch in Paar­beziehun­gen kann man nicht rein­schauen. Genau hier kommt es auf die Meth­ode an: Rechts­geschichte (eine Fund­grube in Sachen Eheer­laub­nis und Schei­dungsrecht), Sozialgeschichte und Psy­chohis­to­rie müssen in die Inter­pre­ta­tio­nen ver­ankert wer­den, um Erken­nt­nisse pro­duzieren zu kön­nen. Ohne das bleibt es bei Lit­er­atur über Lit­er­atur über Lit­er­atur. Und – man muss es lei­der sagen – mit vorherse­hbarem Ergeb­nis. Heißt: Hier herrscht mehr Ide­olo­gie als Wissenschaft!
Wer dieses Buch nicht liest, dem ent­ge­ht nichts von Bedeutung.
Kirsten Lindenau